ARCHÄOLOGISCHES INSTITUT GÖTTINGEN

Kopf & Körper

Wenn von Porträts die Rede ist, denken wir heute unwillkürlich an den Kopf, und vor allem das Gesicht eines Menschen. Doch das ist nicht selbstverständlich. Auch andere Teile des Körpers können wesentlich zur Aussage eines Bildnisses beitragen. So gibt es in der griechischen Kunst bis weit in hellenistische Zeit keine Porträtskulpturen, die sich auf den Kopf beschränken. Erst in späthellenistischer Zeit kommt die Sitte auf, Porträts in Büstenform zu errichten. In der römischen Kaiserzeit waren Büsten dann weit verbreitet. Köpfe und Körper von Statuen wurden in der älteren griechischen Kunst als Einheit entworfen. In römischer Zeit waren Porträtköpfe eigenständige Entwürfe. Sie sind nicht im Hinblick auf die Verbindung mit einem bestimmten Statuenkörper oder einer bestimmten Büste konzipiert, sondern können mit verschiedenen Trägern kombiniert sein. Dieses additive Verfahren ist ein Charakteristikum der römischen Kunst. Es machte auch vor griechischen Skulpturen nicht Halt, die in Kopien verbreitet waren: Von griechischen Porträtstatuen wurden oft allein die Köpfe kopiert und auf Büsten oder Hermenschäfte gesetzt, die mit der Gestaltung der ursprünglichen Statue nichts zu tun haben. 

An Beispielen soll hier der griechische und der römische Umgang mit Köpfen und Körpern von Bildnissen veranschaulicht werden. Anschließend wird gezeigt, wie römische Kopien unsere Wahrnehmung griechischer Porträts beeinflussen können.

Griechische Porträts der ganzen Gestalt

Att. Grabrelief vom Ilissos. Athen, Nat. Mus. Inv. 869

Griechische Bildnisse sind in der Regel ganzfigurig. Unter den vielen Schriftzeugnissen zur Bedeutung der Körpergestalt in der griechischen Kultur ist die Bemerkung des Sokrates in der Einleitung zum Dialog 'Charmides' bezeichnend − auch wenn es sich zugegebenermaßen um Wortspiel handelt: Der junge Charmides wird als schön = von schönem Angesicht = euprosopon gerühmt, aber, so äußert jemand, wenn er sich ausziehen und seinen Körper zeigen würde, dann würde dieser das Gesicht so übertreffen, dass man Charmides für gesichtslos, aprosopon, halten würde (Platon Chrm. 3).

Die Aufmerksamkeit, die den Körpern von Porträts galt, hängt bei Männern mit der Bedeutung des trainierten Körpers und dem Ideal der Kalokagathia zusammen. "Schön und gut" ist nach dieser Vorstellung nur, wer einen makellosen Körper hat. Bildnisse junger Männer präsentieren darum einen nackten kräftigen Körper, der in seiner vollen Schönheit bewundert werden kann. Ein Beispiel ist die Darstellung des jungen Mannes auf einem Grabrelief vom Ilissos bei Athen. Im städtischen Alltag waren junge Männer selbstverständlich bekleidet, wie in der oben zitierten Textpassage. Nacktheit ist in der Regel also nicht situativ, sondern zeichenhaft zu verstehen. Die stereotyp wirkende Wiederholung solcher Formen bedeutet nicht, dass ihr Sinn in Vergessenheit geriet. Sie ist vielmehr ein Zeugnis für die normative Kraft dieses Menschenbildes. Bezeichnenderweise werden ältere Männer bekleidet dargestellt, so der alte Vater auf dem Grabrelief vom Ilissos.

Anakreon. Rom, Musei Capitol
Anakreon. Kopenhagen, NCG

Vor diesem Hintergrund gewinnen auch abweichend gestaltete Körper an Bedeutung. Neben normierten Körpern kennt das griechische Porträt auch die sehr eingehende Charakterisierung durch Haltung und Tätigkeit. Ein Beispiel ist die Porträtstatue des Anakreon, die in einer römischen Kopie überliefert ist. Sie geht wahrscheinlich auf eine Statue auf der Akropolis von Athen zurück, die Pausanias im 2. Jahrhundert n.Chr. beschreibt (1,25,1): "Er ist im schema eines trunkenen Sängers dargestellt." Der Stil deutet auf eine Entstehung der Statue um 440 v.Chr., also in hochklassischer Zeit, hin. Bildnisse dieser Epoche sind in der Regel nicht individualisiert. Auch Anakreon wird mit einem alterslos schönen Körper und faltenlosem Gesicht mit dem Bart des erwachsenen Mannes dargestellt, obwohl zum literarischen Bild die Erwähnung seines hohen Alters gehörte. Umso aufälliger müssen für die Zeitgenossen die leichten Abweichungen in der Haltung des Anakreon gewesen sein: Die Statue modifiziert das klassische Standmotiv des Kontraposts so, dass der Dichter leicht zu schwanken scheint, was nach dem Zeugnis des Pausanias offenbar als diskrete Andeutung von Trunkenheit verstanden wurde. Die Neigung des Kopfes zur Seite und die leicht geöffneten Lippen genügen, um ihn als Sänger zu charakterisieren, der zugleich seinem Saitenspiel lauscht (das Instrument ist heute nicht mehr erhalten). Die Neigung des Kopfes setzt die geschwungene Linie fort, die den gesamten Körper durchzieht. Der Körper ist ebenso wie der Kopf Träger des Ausdrucks, beide wirken bei diesem Bild eines inspirierten Sängers zusammen. 

Die Gegenüberstellung mit der inschriftlich als Anakreon bezeichneten Büste in Rom, Konservatorenpalast, zeigt, dass der Ausdruck des Kopfes ohne den zugehörigen Körper nur schwer zu verstehen ist.

Sammlung
Quellen
Platon Chrm. 3
Literatur

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