ARCHÄOLOGISCHES INSTITUT GÖTTINGEN

Bildnisse von Frauen & Männern

Frauen

− blieben in der Regel zuhause.
− kümmerten sich um Haushalt, Familie und Dienerschaft.
− waren für die Kinder zuständig.
− durften keinen Anlass zu Gerede bieten, denn jede öffentliche Aufmerksamkeit schadete ihrem Ruf.

Männer

− bewegten sich in der Öffentlichkeit und nahmen am politischen Leben teil.
− kümmerten sich um die Geschäfte, arbeiteten außer Haus und trieben Handel.
− zogen in den Krieg.
− strebten nach Ruhm und Ansehen in der Gesellschaft.

Männer und Frauen hatten in der Antike unterschiedliche Aufgaben.
Antike Quellen berichten, dass Männerleben und Frauenleben ganz verschieden verliefen.

Die Lektion „Bildnisse von Frauen und Männern“ ist für Schüler ab ca. 13 Jahren geeignet. Sie orientiert sich thematisch an den Vorgaben der Lehrpläne für Niedersachsen und Hessen und an den Inhalten der Schulbücher, die in diesen Bundesländern zugelassen sind. Innerhalb der Lehrpläne ist die Thematik „Griechenland und Rom“ sowohl für die Fächer Geschichte, Griechisch, Latein als auch für Kunst vorgesehen. Schwerpunkte, die der vorliegenden Lektion inhaltlich sehr nahe kommen, sind dabei u.a. „Rechte und Pflichten von Mann und Frau in der griechischen Polis“, „Lebensbedingungen von Frauen“, „Kindheit im antiken Griechenland“, „Die Zeit der römischen Republik: Familie, Geschlechterrollen, Kindheit und Schule“ sowie allgemein „Kunst und Kultur im antiken Griechenland und in Rom“. Auch innerhalb der Lehrbücher finden sich Anknüpfungspunkte an den Aspekt „Frauen- und Männerporträts“. Um den Schülern „Die Welt der Griechen“ oder „Das Leben in der römischen Republik“ nahe zu bringen, wird u.a. über Themen wie „Die Frauen in Athen − ein Leben im Schatten“, „Kindheit und Jugend in Athen“, „Die Familie in Athen − eine Lebensgemeinschaft“ oder „Die Frau in der römischen Gesellschaft“ berichtet. Für den Fall der unterrichtsbegleitenden Nutzung des Angebots, finden Sie als Lehrer Vorschläge für Arbeitsaufträge zu den einzelnen Lektionen jeweils unter der Option „Zeitreise“ am Ende eines Kapitels. Die „Leitthemen“ geben einen groben Überblick über die Inhalte der einzelnen Module und können als Anregung bzw. Leitfaden für das Unterrichtsgespräch dienen. Der interaktive „Wissenstest“ mit gemischten Fragen nach dem Prinzip Multiple Choice, Freitexteingabe und Manipulation kann zur Lernerfolgskontrolle eingesetzt werden. Hier werden Fragen zur Thematik der jeweiligen Lektion gestellt. Für jede Frage werden Punkte vergeben; die maximal zu erreichende Punktzahl ist jeweils eingeblendet. Zum Abschluss des Tests erhält der Schüler eine Übersicht der beantworteten Fragen und seiner erreichten Punktzahl. Diese Übersicht lässt sich ausdrucken; anhand der erreichten Punktzahl haben Sie als Lehrer die Möglichkeit, die Leistung der Schüler eigenständig zu bewerten bzw. einzustufen.
  • Welche Rolle spielen individuelle Merkmale in Frauen- und Männerporträts?
  • Welche Eigenschaften wurden in Frauenporträts im Gegensatz zu Männerporträts hervorgehoben?
  • Welche Rollenbilder für Frauen und für Männer spiegeln sich in antiken Porträts wider?
  • Welche Unterschiede zeigen sich in Porträts von Mädchen und Jungen?

Männer wurden bereits seit dem 5. Jahrhundert v. Chr. in vielen Rollen und Altersstufen individuell charakterisiert. Frauen sollten dagegen lange Zeit nur schön sein. Weibliche Porträts mit individuellen Zügen gibt es erst seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. Zwei der ersten Frauen, die sich selbstbewusst mit ihrem Porträt der Öffentlichkeit zeigten, waren Kleopatra VII und Livia. Kleopatra war Königin von Ägypten; Livia war die Frau des Octavian, der später unter dem Namen Augustus erster römischer Kaiser wurde. Beide waren mächtige Frauen mit mächtigen Männern an ihrer Seite: Neben dem Porträt der Kleopatra steht oben ein Porträt Caesars; er war zeitweilig ihr politischer Verbündeter und Vater ihres Sohnes. Neben dem Porträt der Livia steht ein Porträt Octavians.

Caesar, Typus Aglié. Turin

Caesar präsentiert sich in einem ungeschönten Bildnis als hagerer älterer Mann mit Altersfalten und Stirnglatze. Dem Bildhauer gelang es, dem Gesicht einen leicht spöttisch wirkenden Ausdruck zu geben. So sah sich Caesar wohl auch selbst. Er wurde als intelligenter und geschickter Politiker bewundert und gefürchtet.

Kleopatra VII. Berlin, Antikenslg.

Vergleicht man die Porträts von Caesar und Kleopatra, wirkt das Bildnis der Königin im Ausdruck viel zurückhaltender: Caesar wird durch seinen Gesichtsausdruck und seine energische Kopfwendung charakterisiert. Kleopatra dagegen verzieht keine Miene, sondern blickt ruhig und gelassen geradeaus. Sie nimmt damit Rücksicht auf die Verhaltensregeln, die von ihr als Frau erwartet wurden. Kleopatra trägt Bescheidenheit zur Schau, während Caesar sein überlegenes Selbstbewusstsein zeigen kann.

Doch schon die zaghaft individuellen Züge der Kleopatra schienen einigen ihrer Zeitgenossen skandalös. Eine Herrscherin, die es wagte, ein unverwechselbares Gesicht zu zeigen, brach mit den bis dahin gültigen Traditionen. Das Bildnis passte zu einer Königin, die ihren Machtanspruch nicht verstecken und ihre Macht nicht mit männlichen Mitregenten teilen wollte. So wurde sie zur Zielscheibe erbitterter Angriffe.

Auch Livia war eine der mächtigen Frauen des 1. Jahrhunderts v. Chr., die in der Öffentlichkeit standen. Octavian und Livia übten in ihrer öffentlichen Selbstdarstellung größere Zurückhaltung als Caesar und Kleopatra. Sie hatten aus den Anfeindungen gelernt, die ihren Vorgängern wegen ihres unverhüllten Machtanspruchs entgegengeschlagen waren.

Augustus, Octavians-Typus. La Alcudia
Das Porträt des Octavian zeigt ihn als hageren jungen Mann mit zerzaustem Stirnhaar und energischer Kopfwendung. Doch seine Züge sind verhältnismäßig ruhig − dieser Politiker will niemanden durch arrogantes Auftreten verschrecken. Die ernste Miene und schwungvolle Pose versprechen jedoch Tatkraft und staatsmännische Qualitäten.
Livia, Typus Kopenhagen 615. Kopenhagen, NCG

Das Porträt der Livia ist noch beruhigter als das des Octavian. Ihre Gesichtszüge zeigen keinerlei Anspannung; sie blickt ruhig und hält den Kopf gerade. Ihr ovales Gesicht entspricht weitgehend dem Ideal einer schönen Frau; doch die Nase mit ihrem Höcker und der individuell geformte Mund geben ihm einen eigenen Charakter. Livia trägt eine der aufwendigen Modefrisuren ihrer Zeit: Die Haare über der Stirn sind zu einer Schlinge geformt und dann zu einem Zopf geflochten, der bis zum Nackenknoten reicht. An den Seiten sind die Haarsträhnen eingedreht und in Wellen gelegt.

Aus Schriftquellen und von seltenen Darstellungen ist bekannt, dass zu einer solchen Modefrisur reicher Haarschmuck aus kostbaren Materialien gehörte. Im Porträt der Livia wird darauf verzichtet − sie bemüht sich um den Anschein von Bescheidenheit. Doch anders als Kleopatra gelang es Livia, den Unmut in Grenzen zu halten − auch wenn es selbst in ihrer eigenen Familie nicht an Kritikern fehlte, die ihr ihre herausragende Position missgönnten. Frauenporträts des 1. Jahrhunderts v. Chr. erregten Aufsehen, weil sie neu und ungewohnt waren. Für Frauen war es auch in dieser Zeit noch wichtig, vor allem schön zu sein. Darum wäre es geradezu beleidigend gewesen, vornehme Damen wie Livia und Kleopatra als alternde Frauen darzustellen.

Die gleichzeitigen Männerporträts standen dagegen in einer jahrhundertealten Tradition. Schon im 5. Jahrhundert v. Chr. wurden unterschiedliche Formen für Bildnisse von Männern in verschiedenen gesellschaftlichen Positionen und in verschiedenen Lebensaltern eingeführt. Zur Veranschaulichung sollen hier zwei der frühesten Beispiele genügen: Das Bildnis des Politikers und Feldherrn Themistokles und das Bildnis des Dichters Pindar.

Bildnisbüste des Pindar
Themistokles. Ostia

Das Bildnis des Themistokles zeigt einen bulligen Mann mit rundem Kopf, niedriger Stirn und kurzen Haaren. Der Ausdruck des Gesichts ist lebhaft und energisch. Es wurde kein Versuch unternommen, die stämmigen Proportionen und groben Gesichtszüge zu verschönen. Diese Darstellung entsprach wohl dem Selbstbild des Themistokles, der sich als Mann der Tat sah und für allzu feinsinnige Bedenken wenig Verständnis zeigte.

Das Porträt Pindars zeigt den Dichter als älteren Mann, mit Bart und Kurzhaarfrisur. Seine Wangen sind leicht erschlafft, seine Stirn ist in Falten gelegt. Pindars Bart ist unterhalb des Kinns zu einem Knoten gebunden. Oberhalb des Knotens sind zwei Reihen kurz geschnittener Strähnen erkennbar. Diese außergewöhnliche Barttracht ist ein individuelles Merkmal des Dichters; sie muss den Zeitgenossen Pindars altmodisch erschienen sein. Pindar wird so als Vertreter alter adliger Traditionen gekennzeichnet. Das erstaunt nicht, denn seine Dichtungen entstanden häufig im Auftrag oder zum Ruhm von Adligen und Tyrannen.

In der Antike war die öffentliche Erscheinung eines Menschen an bestimmte gesellschaftliche Erwartungen und Normen geknüpft; individuelle Eigenheiten wurden nur unter Vorbehalten akzeptiert. Doch für Männer gab es immer mehr Möglichkeiten, sich unterschiedlich zu präsentieren, als das für Frauen der Fall war.

Stell dir vor, du lebst als Frau im 1. Jahrhundert oder als Mann im 5. Jahrhundert v. Chr. und möchtest ein Porträt von dir herstellen lassen. Schreibe dem Bildhauer genau auf, wie du dir dein Bildnis vorstellst. Berücksichtige dabei, welche Möglichkeiten dir zur Verfügung stehen.

Junge Männer können im Porträt als schön und tapfer gezeigt werden. Männer mittleren Alters treten als gute Bürger auf. Alte Männer werden als erfahren und weise charakterisiert. Frauen werden im Porträt dagegen fast immer jung und schön dargestellt, egal wie alt sie zur Zeit der Entstehung ihres Porträts wirklich waren.

Ehepaar aus Kastengrabrelief. Vatikan

Diese unterschiedliche Art und Weise der Darstellung von Mann und Frau zeigt sich z.B. am Grabrelief eines römischen Ehepaares aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. Auf dem Relief sind die beiden verstorbenen Eheleute dargestellt: Sie halten einander jeweils die rechte Hand; die linke Hand der Frau ruht auf der Schulter ihres Gatten. Während er eine Toga trägt, ist sie ist mit Tunica und Umhang bekleidet. Der Ehemann ist mit deutlichen Zeichen des Alters abgebildet: Stirn, Gesicht und Hals sind von tiefen Falten zerfurcht. Das Gesicht der Ehefrau ist dagegen glatt und jugendlich schön. Bei ihr sind keinerlei Alterszüge zu erkennen; doch heißt das nicht, dass sie viel jünger war als ihr Mann. Denn oft zeigen Bildnisse von Eltern mit ihren erwachsenen Kindern nur den Vater als älteren Mann; die Mutter wird dagegen in scheinbar zeitloser Schönheit dargestellt.

Marc Aurel, Typus 1. Rom, Musei Capitol.
Faustina minor, Typus 1. Rom, Musei Capitol.
Marc Aurel, Typus 3. Rom, Musei Capitol.
Bildnis der Faustina minor (letzter Bildnistypus)

Auch an den Porträts des Kaiserpaares Marc Aurel und Faustina minor aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. ist zu sehen, dass die Darstellung höheren Alters beim Kaiser noch interessant war; das Bildnis seiner Frau blieb dagegen auf einer jugendlicheren Stufe stehen. Beide standen als zukünftiger Thronfolger und als Tochter des regierenden Kaisers schon früh im Blickpunkt der Öffentlichkeit und wurden mit Porträts geehrt. Im Laufe ihres Lebens wurden immer wieder neue Porträttypen geschaffen.

Der 1. Typus des Porträts des Marc Aurel zeigt ihn als 17 Jahre alten Jugendlichen, dem noch kein Bart wächst; spätere Porträts zeigen den ersten Bartflaum und dann einen kurzen Bart. Der 1. Typus des Porträts der Faustina minor zeigt sie als jugendliche Frau mit einer modischen Frisur. Dieses Porträt begegnet uns auf Münzen etwa ein Jahr nach der Hochzeit des Kaiserpaares, als Faustina ca. 15 Jahre und Marc Aurel 24 Jahre alt war.

30 Jahre später wird Faustina in ihrem letzten Porträttypus dargestellt; inzwischen hatte sie mindestens 13 Kinder geboren (und die meisten davon begraben); sie starb im Alter von 45 Jahren.

Ebenfalls ca. 30 Jahre nach seinem 1. entstand der 4. und letzte Porträttypus des Marc Aurel.

Zwischen dem fast noch kindlichen Porträt des Prinzen und dem Bildnis des älteren, würdigen Kaisers mit Vollbart ist der Prozess des Erwachsen- bzw. Altwerdens deutlich nachzuvollziehen. Marc Aurel wurde jedoch in keinem seiner Porträts als gebrechlicher Greis dargestellt, obwohl er in seinen letzten Lebensjahren durch schwere Krankheit sehr gealtert sein muss.

An Faustina minor scheint hingegen die Zeit fast spurlos vorbeigegangen zu sein. Ihr Gesicht ist zwar etwas voller geworden und auch die Frisurenmode hat sich geändert; ihr Porträt zeigt sie aber weiterhin als junge Frau.

Versetz dich in die Rolle eines antiken Bildhauers! Du bekommst den Auftrag, die Porträts eines Ehepaares anzufertigen. Notiere dir als Gedankenstütze die Merkmale, die einerseits das Frauenporträt und andererseits das Männerporträt aufweisen sollte.

Die verschiedenen Rollen, die Männer und Frauen in der Gesellschaft spielten, drücken sich auch in ihren Porträts aus.

Att. Grabrelief der Hegeso. Athen, Nat. Mus. Inv. 3624
Wie die gesellschaftliche Rolle der Frau als Herrin des Hauses ins Bild übertragen wurde, kann man am Grabrelief der Hegeso aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. sehen: Das Bild zeigt eine sitzende Frau. Die Inschrift nennt ihren Namen: „Hegeso“. Sie sitzt auf einem Stuhl mit elegant geschwungener Lehne; ihre Füße ruhen auf einem Schemel. Sie trägt ein langes Gewand und einen Mantel. Außerdem bedeckt ein dünner Schleier ihren Hinterkopf und fällt über die Schultern. Diese Kleidung kennzeichnet sie als vornehme Dame. Vor ihr steht links eine Frau, die ihr ein Schmuckkästchen reicht. Sie ist durch ihr einfacheres Gewand als Dienerin gekennzeichnet. Sitzend ist Hegeso fast ebenso groß dargestellt, wie die vor ihr stehende Dienerin. Die unterschiedliche Größe der beiden Frauen steht nicht für die wirklichen Größenverhältnisse, sondern soll auf eine Rangabstufung hindeuten. So wurden in der Antike Sklaven und Sklavinnen häufig kleiner dargestellt, um ihre niedrige gesellschaftliche Stellung im Bild auszudrücken.

In ihrer Rolle als Herrin des Hauses hat Hegeso das Recht, auf einem Lehnstuhl mit Fußschemel zu sitzen − ähnlich wie ein König in seinem Thronsaal. Die Darstellung im Sitzen war in der Antike ein Vorrecht für ehrbare Frauen, die es sich leisten konnten, das Haus nicht zu verlassen; ihre Dienerschaft nahm ihnen die Besorgungen außer Haus ab. Diese Frauen sollten jeden Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden, um keinen Anlass für öffentliche Aufmerksamkeit und Gerede zu bieten. Schmuck sollte die Schönheit einer Frau hervorheben, darum ist das Schmuckkästchen ins Bild gebracht worden.

Darstellungen von Frauen als Herrin des Hauses waren in der Antike verbreitet, denn sie veranschaulichten das Ideal eines weiblichen Rollenbildes. Sie zeigten die Frau, die im Haus blieb, um sich um Haushalt, Familie und Dienerschaft zu kümmern. Von Männern wurde das nicht erwartet.

Diskobol des Myron. Rom, Mus. Naz.
Diadumenos des Polyklet. London, Brit. Mus.

Athleten verkörperten ein männliches Ideal von Schönheit und Erfolg. Athletenbildnisse waren zuerst bei den Griechen verbreitet, wurden aber später auch von den Römern zahlreich kopiert. Zwei Beispiele für Athletenbildnisse aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. sind der Diskuswerfer und der Diadumenos:

Der Diskuswerfer ist in der Situation vor dem Wurf dargestellt. Seine Sehnen und Muskeln lassen eine große Anspannung des Körpers erkennen. Dem Gesicht ist diese Spannung jedoch nicht anzusehen. Ein weiteres Verhaltensideal verbot es nämlich, übermäßige Leidenschaft zu zeigen.

Während der Diskuswerfer bei der Durchführung seiner Sportart dargestellt ist, zeigt die Statue des Diadumenos den Sportler beim Umlegen der Siegerbinde. Sie wurde einem Athleten in der Antike nach dem Sieg im Wettkampf verliehen. Die Arme des Diadumenos sind erhoben, um die Siegerbinde um den Kopf zu winden. Auch er demonstriert in seiner ruhigen Haltung bei der Siegerehrung seine vorbildliche Mäßigung und Bescheidenheit.

Beide Bildnisse sind Siegerstatuen: Sie wurden für einen Sieg in einem sportlichen Wettkampf errichtet, etwa bei den Spielen in Olympia oder Delphi. Beide Athleten sind nackt dargestellt, wie es bei Wettkämpfen in der Antike üblich war. Die Siegerstatuen zeigen den perfekt durchtrainierten männlichen Körper. Für Frauen gab es kein vergleichbares Rollenbild.

Aischines. Neapel, Mus. Naz.
Flavius Palmatus. Aphrodisias

Die gesellschaftliche Hauptrolle des Mannes in der Antike war die des guten Bürgers, der sich nach Kräften für seine Stadt und seine Mitbürger einsetzte. Wer sich als Politiker oder Stifter besonders ausgezeichnet hatte, wurde in der Regel mit einer Portr geehrt.

Der Redner Aischines spielte in der Politik der Stadt Athen im 4. Jahrhundert v. Chr. eine führende Rolle. Darum wurde ihm eine Statue errichtet, die ihn als vorbildlichen Bürger zeigt. Er ist korrekt in seinen Mantel eingewickelt, nur die Hand schaut ein wenig heraus. Sein Gesichtsausdruck ist entspannt und freundlich. In den heftigen Auseinandersetzungen zwischen den gegnerischen Parteien Athens war diese Pose eines überlegen wirkenden Staatsmannes wohl nur schwer durchzuhalten.

Noch ein spätantikes Beispiel für die Darstellung eines Mannes in der Rolle des Bürgers ist die Statue des Flavius Palmatus aus dem 5. Jahrhundert n. Chr.: Sie zeigt ihn in der typischen Tracht des römischen Bürgers, der Toga. Nur römische Bürger waren berechtigt, die Toga zu tragen; sie waren sogar verpflichtet, sie bei offiziellen Anlässen anzulegen. Auf einen solchen Anlass deutet das Tuch in der rechten Hand der Statue hin: Durch Winken mit einem solchen Tuch wurde das Signal zu Spielen und Wettkämpfen gegeben. Es gehörte zu den Pflichten von hohen Amtsträgern, solche Spiele für das Volk zu organisieren und aus dem eigenen Vermögen zu bezahlen.

Da Frauen in der Antike keine politischen Ämter bekleiden konnten, blieben ihnen auch die damit verbundenen Ehrungen verwehrt.

Homer, Epimenides-Typus. München, Glyptothek
Menander. Rekonstruktion Göttingen
Epikur. Rekonstruktion Göttingen
Metrodor. Rekonstruktion Göttingen

Ältere Männer galten in der antiken Gesellschaft als erfahren und weise. Die Darstellung des Mannes in der Rolle des Weisen findet sich daher auch oft in antiken Männerbildnissen wieder.

Besonders die zahlreichen überlieferten Dichter- und Philosophenporträts zeugen davon, wie das Rollenbild des weisen Mannes ins Bild gesetzt wurde:

− Das Porträt des Dichters Homer zeigt ihn als blinden, alten Mann. Er scheint seiner inneren Stimme zu lauschen und die Geschehnisse, die er in seiner Dichtung behandelt, in seiner Phantasie zu schauen. Diese besondere Gabe schrieb man in der Antike Blinden zu, deren g Visionen von keinen äußeren Eindrücken gestört werden konnten. Die Bildnisse Homers entsprechen dieser Vorstellung vom „blinden Seher“.
− Die Porträtstatue des Menander zeigt den Dichter entspannt sitzend und mit gesenktem Kopf. Er ist mit einem Untergewand und einem Mantel bekleidet. Der Mantel ist elegant in Falten um seinen Körper gelegt. Sein Gesichtsausdruck ist nachdenklich und für den bekanntesten Komödiendichter der Antike bemerkenswert ernst. Menanders Gesicht ist glattrasiert; er folgt damit der neuesten Mode seiner Zeit, denn erwachsene Männer trugen in der Zeit vor Alexander d. Großen normalerweise einen Bart.
− Epikur und Metrodor sitzen ruhig und würdig auf ihrem jeweiligen Sitzmöbel. Epikur sitzt auf einem Thron, Metrodor auf einem Lehnstuhl. Beide tragen ähnlich lockige Frisuren und Bärte. Beide Philosophen sind in ihren Mantel gehüllt, der sorgfältig in Falten um ihren Körper gelegt ist. Eins ihrer Beine ist jeweils aktiv zurückgesetzt und das andere entspannt vorgestellt. Auf dem Schoß halten beide eine Schriftrolle. Die Bildnisse Epikurs und Metrodors sehen einander zum Verwechseln ähnlich, weisen jedoch auch deutliche Unterschiede auf. So sollen die unterschiedlichen Sitzmöbel z.B. die Rangordnung zwischen Lehrer und Schüler verdeutlichen. Auch für die Ähnlichkeit der Bildnisse gibt es eine Erklärung: Die Statuen der unmittelbaren Schüler und Nachfolger Epikurs in der Leitung der Philosophenschule sind eng an sein Bildnis als Schulgründer angeglichen. Die Zugehörigkeit zur epikur drückte sich auch in Tracht und Haltung aus; so unterscheiden sich die Anhänger Epikurs von den Anhängern anderer Schulrichtungen.

Die Darstellung dieser Philosophen im Porträt erweckt den Eindruck, dass das Denken sie nicht sonderlich anstrengte; sie scheinen in ruhige, tiefe Konzentration versunken zu sein. Die Bildform der sitzenden Philosophen begegnet uns bei den Epikur zum ersten Mal. Sie wurde in antiken Männerporträts vielfach kopiert und taucht bis heute in Bildern von Gelehrten auf: So lassen sich Schriftsteller und Wissenschaftler immer noch häufig sitzend, schreibend oder mit einem Buch in den Händen porträtieren.Das Rollenbild des Weisen blieb in der Antike den Männern vorbehalten, da Weisheit nicht als rühmenswerter Charakterzug von Frauen galt. Darum finden sich auch keine antiken Porträts von gelehrten Frauen, sondern lediglich von weisen Männern.

Chares von Teichiussa. London, Brit. Mus.
'Kalbträger'. Athen, Akropolismus.
Togastatue des Augustus. Korinth

Auch die Rolle des Priesters war für Männer in der Antike weit verbreitet. Davon zeugen zahlreiche antike Männerporträts in dieser Rolle. Doch blieb das Rollenbild des Priesters nicht nur Männern vorbehalten. Auch Frauen konnten in der Rolle der Priesterin auftreten.

Schauen wir uns zunächst einige Porträts an, die Männer in der Rolle des Priesters zeigen:

− Der Priester Chares von Teichiussa ist in einer überlebensgroßen Statue aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. dargestellt. Er trägt einen Mantel und sitzt auf einem Thron. An seiner Statue ist eine Inschrift angebracht, die lautet: „Ich bin Chares, der Sohn des Klesios, Herrscher von Teichiussa. Die Statue ist dem Apollon geweiht“. Das Bildnis gehörte zu einer Reihe von lebens- bzw. überlebensgroßen Marmorstatuen von thronenden Männern und Frauen. Sie waren ursprünglich entlang der heiligen Straße nach Didyma aufgestellt, als Weihungen von Adligen und Herrschern aus der Umgebung um Didyma. Nur solche Leute erhielten die Ehre, Priester des Apollon zu werden.
− Der Kalbträger ist die Figur eines bärtigen Mannes, der auf den Schultern ein Kalb als Opfertier trägt. Auf der Basis dieser Statue aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. steht die Inschrift „Rhombos, Sohn des Palos“. Damit ist der Stifter der Statue gemeint. Die Figur des Kalbträgers war ursprünglich als Weihgeschenk auf der Akropolis von Athen aufgestellt. Das Original wurde zerstört; die Bruchstücke weisen noch Reste der für antike Skulpturen üblichen Bemalung auf. Die kostbare Weihung lässt darauf schließen, dass der Stifter ein athenischer Adeliger war, der die Statue eines Opferträgers auf der Akropolis weihte. Es ist heute nicht mehr zu entscheiden, ob in der Figur das Idealbild eines Opfernden oder der opfernde Stifter selbst zu sehen ist.
− Eine Statue des Augustus in Korinth aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. zeigt den Kaiser mit einer Toga bekleidet, die er über den Kopf gezogen trägt. Das Bedecken des Kopfes war einem Römer vorgeschrieben, wenn er bestimmten Gottheiten Opfer brachte oder andere Riten vollzog. Die Togastatue des Augustus stellt den Kaiser also als traditionsbewussten Römer dar, der herkömmliche Verhaltensnormen aus der Zeit der römischen Republik noch immer achtet, und der als Priester seine Pflicht den Göttern gegenüber erfüllt. Die Darstellung des Augustus mit Toga weist zudem auf sein Amt als oberster Priester Roms (pontifex maximus) hin.

Weihrelief an Asklepios. Athen, Nat. Mus.
Auf einem Relief, das Asklepios geweiht war, ist eine Szene aus dem Kult des Gottes dargestellt; es ist heute nur noch als Bruchstück erhalten. Auf der linken Seite des Reliefs sind an der Bruchkante noch die Beine und Hände des sitzenden Asklepios, des Gottes der Heilkunde, zu erkennen. Attribute des Asklepios sind Stock und Schlange. Vor ihm steht seine Tochter Hygieia. Von rechts nähert sich eine sehr viel kleiner dargestellte 6-köpfige Familie. Sie will wohl auf einem Altar, der sich vor Asklepios und seiner Tochter befindet, Opfer darbringen. Der Familie voran geht ein Sklave mit dem Opfertier, einem Schaf. Das Weihrelief zeigt die Verehrung des Gottes der Heilkunde. Es wurde im Heiligtum des Asklepios in Athen gefunden. Solche Reliefs wurden zum Dank für erhörte Gebete und Heilung durch den Gott gestiftet.
Attisches Urkundenrelief: Athena Parthenos und Priesterin
Livia-Kameo

Andere Reliefs zeigen Frauen als Priesterinnen:

− Offizielle Urkunden wurden in Athen auf Marmortafeln eingemeißelt, die mit Reliefs geschmückt und öffentlich aufgestellt wurden. Die Szene auf einem solchen Urkundenrelief aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. zeigt die Göttin Athene, begleitet von der Siegesgöttin Nike. Vor ihr steht eine Priesterin, die viel kleiner dargestellt ist als die Göttin. Die unterschiedliche Größe der Figuren im Bild deutet in der antiken Kunst Rangunterschiede an. So wird die Priesterin in kleinerem Format gezeigt, um ihre niedrigere Stellung gegenüber der Göttin im Bild auszudrücken. Frauen, die sich als Priesterin Verdienste erwarben, konnten also in dieser Rolle geehrt werden.
− Ein Kameo aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. ist ein besonders kostbares Bild einer Priesterin. Livia, die Witwe des Kaisers Augustus, wird als Priesterin ihres verstorbenen und unter die Götter erhobenen Mannes gezeigt. Auf einem Thron sitzend hält sie eine kleine Büste des Augustus in der rechten Hand. Sie trägt ein Gewand, das leicht von der Schulter gleitet. Doch Livia wird nicht nur als Priesterin des göttlichen Augustus gezeigt, sondern trägt sogar selbst die Attribute einer Göttin: Ähren, Tympanon und das Diadem mit Mauerzinnen gleichen sie den Göttinnen Ceres und Magna Mater an. Das von der Schulter gleitende Gewand ist als Anspielung auf die Göttin Venus zu verstehen.

Für die Existenz von Darstellungen sowohl von Priestern als auch von Priesterinnen gibt es eine einfache Erklärung: Weibliche Gottheiten verlangten für ihre Kulte meist nach Priesterinnen, männliche Gottheiten ließen dagegen nur Priester zu. Zu den Göttinnen, die keine Männer als Priester zuließen, gehörte u.a. Athene.

Grabrelief des Dexileos. Athen, Kerameikosmus. Inv. P1130
Grabrelief der Malthake

Männer sollten in der Gesellschaft der Antike tapfer und siegreich sein. Deshalb wurden sie oft in der Rolle des Kriegers dargestellt. Besonders ruhmreich war der Tod in der Schlacht. Solche Helden ehrte man mit einem besonderen Grabmal. Ein Beispiel dafür ist das Dexileos-Relief: Es zeigt den Reiterkrieger Dexileos auf seinem Pferd, wie er einen Gegner mit seiner Lanze niedersticht. Dexileos wurde 394 v. Chr. in einer Schlacht bei Korinth getötet; das Relief zeigt ihn dagegen als Sieger.

Wie bei Männern der Heldentod in der Schlacht, war bei Frauen der Tod im Kindbett Anlass für besondere Ehren. Ein Beispiel dafür ist das Grabrelief der Malthake aus dem 4. Jahrhundert v. Chr.: Es zeigt zwei Frauen. Eine der beiden lehnt sich auf einem Bett zurück. Sie wird von der kleineren Frau hinter ihr gestützt. Schon an ihrer Größe und Stellung ist diese zweite Frau als Dienerin zu erkennen. Die Frau auf dem Bett ist die Hauptperson; die Inschrift nennt ihren Namen: „Malthake“. Sie sinkt offenbar leidend und entkräftet auf ihr Kissen zurück; ihr linker Arm hängt herab, der rechte wird von der Dienerin gestützt. Über dem Bauch wirft der Mantel dicke Falten. Damit soll angedeutet werden, dass es sich um die Darstellung einer schwangeren Frau handelt, die in den Wehen liegt. Ähnliche Grabdenkmäler sind gelegentlich mit Inschriften verbunden, die berichten, dass die darunter begrabenen Frauen während der Geburt eines Kindes oder kurz danach starben. Dieser Tod galt in der Antike als besonders tragisch und wird in vielen Grabgedichten beklagt. Häufig starb auch das Neugeborene, so dass zwei Tote zu beklagen waren. Überlebte das Kind, war der Verlust seiner Mutter ein weiterer Grund zur Trauer.

In der Antike starben viele Frauen während einer Entbindung oder im Kindbett; jede Schwangerschaft war ein lebensbedrohliches Risiko. Die Gefahren des Kindbettes und die Schmerzen der Frauen wurden in der Antike mit den Mühen und Gefahren des Krieges verglichen. So wie Männer im Krieg ihre Leistung in der Verteidigung von Familie und Staat erbrachten, so erfüllten Frauen mit dem Gebären von Kindern ihre Pflicht zum Fortbestand von Familie und Staat. Beides war mit Schmerzen und Gefahr verbunden und beides war unumgängliche Pflicht.

Weihrelief an Asklepios. Athen, Nat. Mus.
Die Rolle der Frauen als Mütter und die der Männer als Väter ist auch sonst Thema zahlreicher Darstellungen, z.B. in dem schon betrachteten Bild einer Familie auf einem Weihrelief an Asklepios. Die Frauen halten sich hinter den Männern zurück, wie es von ihnen in der Öffentlichkeit erwartet wurde.
Relief von Grabbau. Dresden

Frauen aus den unteren Schichten der Bevölkerung konnten sich vornehme Zurückgezogenheit im Haus nicht leisten. Selbstbewusst nahmen sie in römischer Zeit am Arbeitsleben teil. Ein Beispiel für die Rollenverteilung in einem Familienbetrieb ist ein römisches Grabrelief mit einem Fleischerladen. Ein Metzger und seine Frau sind dargestellt. Der Metzger ist mit Tunica und Schuhen bekleidet; er zerkleinert auf einem dreibeinigen Hackklotz das Rippenstück eines Tieres mit einem Hackmesser. Links von dem Hackklotz steht eine Schüssel am Boden. Hinter dem Mann steht ein Gestell; daran hängen verschiedene Fleischstücke, z.B. ein Schweinekopf, Innereien, Schweinebauch, Schweinsknöchelchen, Keule und ein weiteres Rippenstück. Weiter rechts hängen noch ein zweites Hackmesser und eine Waage. Die Frau des Metzgers sitzt ihm gegenüber auf einem großen, bequemen Sessel mit Fußbank. Über der Ärmeltunica trägt die Frau einen Mantel; ihr Haar ist sorgfältig nach der Mode des 2. Jahrhunderts n. Chr. frisiert. Sie schreibt in ein Polyptychon; solche Schreibtäfelchen wurden für die Buchführung verwendet.

Stolz präsentiert das Metzgerpaar seine Arbeit und deren Produkte. Doch während der Mann sein Geschick in der Metzgerei zur Schau stellt, hält sich die Frau noch an das alte Bild der Herrin des Hauses. Dazu gehört der Sessel mit Fußschemel. Auch die Rolle als Buchhalterin scheint aus der weiblichen Rolle der Verwalterin des Hauses und seiner Vorräte entwickelt.

Lies den folgenden Ausspruch des antiken Schriftstellers Diogenes Laertios und diskutiere mit deinem Banknachbarn darüber, welche Gründe er für seine Aussagen gehabt haben könnte:

„Ich habe drei Gründe, dem Geschick dankbar zu sein:dass ich ein Mensch bin und kein Tier, ein Mann und keine Frau, ein Grieche und kein Barbar“

(Diogenes Laertios, 1,33).

Kinder und Erwachsene

Kinder wurden in der Antike auf ihre Rollen als Erwachsene vorbereitet. Deshalb ähneln Porträts von Jungen den Bildnissen von Männern. Porträts von Mädchen ähneln dagegen den Bildnissen von Frauen.

Bildnis eines augusteischen Prinzen
Büste eines trajanischen Knaben
Elagabal, Typus 1. Kopenhagen, NCG
Augustus, Typus Prima Porta. Kopenhagen, NCG
Traian, Regierungsantritts- Typus. München, Glyptothek
Caracalla, Typus 4. Paris, Louvre

Die beiden Reihen zeigen übereinandergestellt ein Kinderporträt und ein Erwachsenenporträt aus der jeweils selben Epoche.

− Der noch kindliche Prinz aus der Familie des Augustus sieht dem Kaiser so ähnlich, dass man früher überlegte, in diesem Porträt Augustus als Kind zu erkennen. Doch es muss sich um einen seiner Enkel handeln.
− Ein Knabe aus der Zeit Trajans ahmt nicht nur die Haartracht des Kaisers nach; die Ähnlichkeit geht bis in die Form und den Ausdruck des Gesichtes.
− Der in kindlichem Alter zum Kaiser erhobene Elagabal sieht aus wie eine jüngere Ausgabe seines Vorgängers Caracalla − mit Absicht, denn seine Familie behauptete, er sei dessen unehelicher Sohn.

Kleopatra VII. Berlin, Antikenslg.
Bildnis eines Mädchens mit Melonenfrisur
Iul.-claud. Prinzessin. Berlin, Antikenslg.
Faustina minor, Typus 8. Rom, Musei Capitol.
Bildnis eines Mädchens
"Mädchen vom Palatin"

Mädchenfrisuren sind hingegen an Frauenfrisuren angelehnt.

− Das Porträt eines Mädchens in Berlin zeigt eine ähnliche Frisur wie Kleopatra VII. Die Haare sind durch viele parallele Scheitel geteilt und dazwischen zu Strängen zusammengedreht. Diese Frisur kam in der Kaiserzeit vereinzelt auch bei erwachsenen Frauen vor. Doch besonders beliebt blieb sie als Mädchenfrisur − wahrscheinlich, weil sie sich nicht leicht wieder auflöste.
− Das Porträt eines Mädchens mit Mittelscheitelfrisur in Boston folgt der Frisurenmode in der ersten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. Eine ähnliche Frisur mit Mittelscheitel und Ringellöckchen trägt eine der Prinzessinnen des Kaiserhauses. Das Mädchenporträt hat zusätzlich einen Zopf über dem Scheitel, eine spezielle Kindermode.
− Das Mädchen vom Palatin hat offenbar noch zu kurze Haare für eine der im 2. Jahrhundert n. Chr. üblichen Frauenfrisuren. Doch ihr Gesicht ähnelt sehr den Porträts der Faustina minor. Das Bildnis des Mädchens wurde auf dem Palatin in Rom gefunden, wo der Palast der römischen Kaiser stand. Darum könnte es ein Mitglied der kaiserlichen Familie darstellen.
Die meisten antiken Kinderporträts ahmen nicht nur die Moden der Erwachsenen nach, sondern sie zeigen auch einen ähnlichen Gesichtsausdruck wie ihre erwachsenen Zeitgenossen. Oft wirkt ihr Gesicht auch traurig. Dies könnte den Grund haben, dass viele Porträts zur Erinnerung an früh verstorbene Kinder aufgestellt wurden.

Spielende Kinder

Antike Darstellungen von Kindern zeigen sie häufig beim Spielen, Erwachsene dagegen nicht. In der Antike spielten die Kinder mit Nüssen, Steinen und Knöchelchen, alles Spielgeräte, die sie zuhause und in der Natur vorfanden.

Nüssewerfender Knabe
Knöchelspielerin

Besonders das Spiel mit Walnüssen war im Winter beliebt. Davon zeugen zahlreiche antike Schriftquellen, in denen mehrere Spiele beschrieben werden. Daneben sind uns auch viele antike Darstellungen überliefert, die Kinder beim Nüssespiel zeigen. Eine solche Darstellung ist der nusswerfende Knabe, der in römischer Zeit häufig kopiert wurde: Der Junge steht gebeugt in Schrittstellung, in der gespannten Haltung des Wurfes. Mitspieler sind nicht dargestellt; auch das Ziel des Wurfes ist nicht eindeutig belegt.

Der nusswerfende Knabe verkörpert in seiner Konzentration auf das Spiel, in Anmut und in der Spannung der Bewegung „Kindheit“ schlechthin. In der antiken Literatur meint der Ausdruck „nucibus relinquere“ (= „die Nüsse zurücklassen“) soviel wie „erwachsen werden“.

In antiken Gedichten und Darstellungen ist das Nüssespiel so genau beschrieben, dass man sogar die Spielregeln einiger Nussspiele kennt. Hierzu gehört auch das Spiel, das der nusswerfende Knabe zu spielen scheint. zu den Spielregeln

Die Figur eines Mädchens sitzt hingegen auf dem Boden und würfelt mit Knöcheln. Dieses Spiel war freilich auch bei Erwachsenen beliebt, wird aber gern an Kinderbildnissen gezeigt. Die Figur in der Göttinger Sammlung hat zwar einen neuzeitlich ergänzten Kopf, andere Exemplare zeigen aber Porträts von Mädchen. Solche Statuen standen in römischen Häusern, wo sie die angenehmen Seiten des Kinderlebens im Bild festhielten. Sie wurden aber auch auf Gräbern errichtet, um die trauernden Eltern an die fröhlichen Spiele ihres Kindes zu erinnern. zu den Spielregeln

In diesem Kapitel hast du gelesen, wie Jungen und Mädchen in der Antike dargestellt wurden. Überlege dir, wodurch man sie im Porträt als Kinder kennzeichnete. Begründe dein Ergebnis an einem Beispielporträt.

Sammlung
Quellen
Literatur
Anita Rieche: Römische Kinder- und Gesellschaftsspiele. Limesmuseum Aalen, 1984​
Marion Mannsperger: Frisurenkunst und Kunstfrisur. Die Haarmode der römischen Kaiserinnen von Livia bis Sabina. Habelt, Bonn, 1998

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