Epochen

Die Klassische Archäologie erforscht die antiken Kulturen des Mittelmeerraums über einen Zeitraum von mehr als 2500 Jahren. Diese große Zeitspanne wird in einzelne Epochen unterteilt, um die ungeheure Fülle der Funde zu klassifizieren und historisch einzuordnen. Die Einteilung der Epochen orientiert sich einerseits an markanten geschichtlichen Einschnitten, andererseits an auffälligen Veränderungen im Stil der Objekte. Vertiefte Informationen zum Problem der Epochengliederung finden sich in unserer Ausstellung „Neue Zeiten“. Die folgenden Texte zu den einzelnen Epochen sind mit Bildern von Objekten aus der Originalsammlung des Archäologischen Instituts Göttingen illustriert.

Geometrische Epoche

Geometrischer Kantharos mit Wagenfahrt, aus Böotien, spätes 8. Jh. v. Chr.

Nach dem Zusammenbruch der mykenischen Kultur bildete sich im 10. Jahrhundert v.Chr. eine neue Form der Gefäß- und Gerätdekoration und der Gestaltung kleinplastischer Objekte heraus. Die Vorliebe für geometrische Grundformen (Kreise, Dreiecke, Rauten, Zickzack, Mäander) hat diesem Stil den Namen gegeben.

Um 750 v. Chr. wurde die zuvor recht statische griechische Welt von einer gewaltigen Entwicklungsdynamik erfasst. Kennzeichen dieser sog. Griechischen Renaissance sind starkes Bevölkerungswachstum, Steigerung der materiellen Produktion, Etablierung autonomer Stadtstaaten (Poleis), Gründung neuer Städte im ganzen Mittelmeer- und Schwarzmeerraum (Große Griechische Kolonisation). In Vasenmalerei, Kleinplastik und anderen Zweigen des Kunsthandwerks führt diese neue Dynamik schließlich zum Zerbrechen der überlieferten geometrischen Formensprache.

Rundplastische Skulpturen wurden nur im kleinen Format hergestellt. Besonders charakteristisch sind Bronzestatuetten von Pferden, aber auch von Menschen. Sie wurden als Weihgaben für die Götter an Bäumen aufgehängt oder dienten als Dekorelemente größerer Geräte (z.B. der monumentalen Bronzedreifüße). Sie zeigen dieselbe streng geometrische Stilisierung wie die Vasenbilder dieser Zeit.

Geometrische Tonfiguren von Reitern, aus Böotien, um 700 v. Chr.

Im 8. Jahrhundert erlebten Töpferei und Metallhandwerk einen enormen Aufschwung. Tongefäße dieser Zeit sind z.T. über 150 cm hoch, Bronzedreifüße sogar über 3 Meter. Trotz dieser neuen technischen Möglichkeiten wurde die überlieferte ‚geometrische‘ Formensprache streng bewahrt und nur im Detail weiter ausgestaltet.

Rundplastische Skulpturen wurden nur im kleinen Format hergestellt. Besonders charakteristisch sind Bronzestatuetten von Pferden, aber auch von Menschen. Sie wurden als Weihgaben für die Götter an Bäumen aufgehängt oder dienten als Dekorelemente größerer Geräte (z.B. der monumentalen Bronzedreifüße). Sie zeigen dieselbe streng geometrische Stilisierung wie die Vasenbilder dieser Zeit.

Archaik

Klassik

Attisch-rotfiguriges Deckelfragment mit Frauenszene, Reicher Stil, Ende 5. Jh. v. Chr.

Die heute als griechische „Klassik“ bezeichnete Epoche beginnt mit einem tiefgreifenden Umbruch in vielen Lebensbereichen: In Athen wird 510 v. Chr. der Tyrann Hippias gestürzt und wenig später eine vollkommen neue politische Ordnung eingeführt, aus der sich in den folgenden Jahrzehnten die Demokratie entwickelt. Ebenfalls unter maßgeblicher Beteiligung der Athener werden in den Perserkriegen 490 und 480/79 v. Chr. zwei Großangriffe der Perser auf Griechenland erfolgreich abgewehrt.

Athen steigt danach, besonders unter dem Feldherrn und Politiker Perikles, zur führenden Militärmacht in der Ägäis und zum kulturellen Zentrum der griechischen Welt auf. Tragödie und Komödie, Geschichtsschreibung und Philosophie erhalten in dieser Zeit in Athen ihre „klassische“ Ausprägung. Ihre kulturelle Vorrangstellung kann die Stadt auch nach der totalen Niederlage gegen die Spartaner am Ende des fast dreißigjährigen Peloponnesischen Krieges (431–404 v. Chr.) bewahren.

Attisch-rotfigurige Pelike aus der Zeit des Strengen Stils, um 480 v. Chr.

Die große Zeit der demokratisch selbstverwalteten griechischen Stadtstaaten wird im Laufe des vierten Jahrhunderts, der „spätklassischen“ Epoche, von einer neuen politischen Konstellation abgelöst: der Vorherrschaft des Königreichs Makedonien über Griechenland und der Eroberung des gesamten persischen Großreiches durch den jungen Makedonenkönig Alexander den Großen (336–323 v. Chr.). Mit diesem weltverändernden Ereignis beginnt eine neue, die hellenistische Epoche.

Den politischen Umwälzungen um 500 vor Christus entspricht ein markanter Stilwandel in der gesamten Sachkultur. Besonders deutlich äußert er sich in der Bildhauerkunst. Die traditionelle Bindung an feste Figurentypen − besonders des stehenden nackten Jünglings (Kuros) und der reich bekleideten jungen Frau (Kore) − wird abgelöst durch eine Phase des Erprobens neuartig realistischer Darstellungsformen im sog. Strengen Stil (ca. 490–450 v. Chr.). Wichtigste künstlerische Neuerung ist die Erfindung des „Kontraposts“: Vor allem bei der Darstellung stehender Figuren wird nun deutlich zwischen belasteten und entlasteten Körperpartien unterschieden und dadurch die funktionale Einheit des Körpers als eines lebendigen Organismus betont.

Der Realismus des Strengen Stils wird in der nachfolgenden „hochklassischen“ Phase (ca. 450–425 v. Chr.) abgelöst durch eine Tendenz zur Idealisierung und Überhöhung der Naturformen. Die Bildhauer Phidias und Polyklet sind führend an dieser Entwicklung beteiligt. Wichtigstes Bauprojekt dieser Epoche ist die Errichtung des Parthenon, des größten Tempels auf der Athener Akropolis mit überaus prächtiger Skulpturenausstattung.

Im anschließenden „Reichen Stil“ (ca. 425–390 v. Chr.) steht das Bestreben nach schöner, eleganter Linienführung, nach ornamentalen Effekten und nach üppigem Schmuck im Vordergrund. In der spätklassischen Phase hingegen (ca. 390–330 v. Chr.) gewinnt die genaue Naturbeobachtung wieder mehr an Bedeutung. In der Malerei werden optische Effekte wie Verkürzung und Schattierung entdeckt, und auch in der Plastik wird die bildhafte Wirkung der Figur auf den Betrachter nun sehr bewusst in die Gestaltung einbezogen.

Hellenismus

Apulischer Krater (Weinmischgefäß) mit Erotendekor, frühhellenistisch.

Das von Nordgriechenland über Kleinasien und Ägypten bis an die Grenzen Indiens sich ausdehnende Reich Alexanders des Großen nimmt den demokratisch regierten Stadtstaaten Griechenlands weitgehend ihr politisches Gewicht. Auch nach Alexanders frühem Tod 323 v. Chr. und der Aufteilung des Reiches unter seinen Nachfolgern, den Diadochen, behalten die großen, von Königen regierten Flächenstaaten die machtpolitische Oberhand. Doch können sich einzelne Stadtstaaten wie Athen und Rhodos zumindest als kulturelle Zentren etwas von ihrer alten Bedeutung bewahren.

In die fortwährenden Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Königreichen, besonders zwischen dem von der Dynastie der Ptolemäer regierten Ägypten und dem von den Seleukiden regierten Syrien, schaltet sich seit dem späten 3. Jahrhundert v. Chr. immer bestimmender die neue Großmacht Rom ein. Zug um Zug kommt die hellenistische Welt unter römische Herrschaft. Als letztes fällt mit dem Sieg des Octavian über Königin Kleopatra VII. in der Schlacht von Actium 31 v. Chr. das Reich der Ptolemäer an Rom.

Kulturell wird die hellenistische Welt durch die Konkurrenz neuer Großstädte bestimmt, in denen die Könige residieren: Alexandria, Hauptstadt des Ptolemäerreichs, Antiochia, Residenzstadt der Seleukiden, später auch Pergamon, Sitz einer eigenen Königsdynastie im nordwestlichen Kleinasien. Die Paläste der Könige sind Experimentierstätten für neue Formen der Architektur und luxuriöser Innenausstattung und zugleich Speicher der kulturellen Überlieferung mit Bibliotheken, Lehr- und Forschungseinrichtungen, Bilder- und Statuensammlungen.

Unter stilgeschichtlichem Aspekt wird die hellenistische Epoche in drei Hauptphasen eingeteilt. Aus frühhellenistischer Zeit (ca. 330–230 v. Chr.) kennt man nur wenige sicher datierte Werke. Sie ist gekennzeichnet durch eine deutliche Gegenbewegung zur spätklassischen Epoche mit ihrer Vorliebe für harmonische Linienführung und bildhafte Effekte. Bevorzugt werden nun sperrige, blockhafte Formen und ein herber, auch das Hässliche nicht scheuender Realismus.

Tonstatuette eines verkrüppelten Sklaven, späthellenistisch.

In hochhellenistischer Zeit (ca. 230–150 v. Chr.) setzt sich ein „barocker“, auf pathetische Wirkungen abzielender Stil durch. Eine führende Rolle spielt dabei die Königsresidenz Pergamon. Im Auftrag der Attaliden-Dynastie entstehen dort neben zahlreichen anderen Skulpturen verschiedene Siegesmonumente, von denen der monumentale Zeusaltar („Pergamonaltar“) das bekannteste ist.

In späthellenistischer Zeit (ca. 150–30 v. Chr.) ist eine deutliche Rückwendung zur Klassik, besonders zum Stil des 4. Jahrhunderts v. Chr. festzustellen. Berühmte Werke der Vergangenheit werden immer exakter kopiert. Besonders im Porträt sind auch ausgesprochen naturalistische Tendenzen festzustellen. Als Auftraggeber werden Angehörige der römischen Oberschicht immer wichtiger. Rom wird nun auch zum kulturellen Zentrum der antiken Mittelmeerwelt.

Republik

Etruskische Priesterstatuetten aus einem Heiligtum bei Siena.
Die Römer übernahmen viele religiöse Praktiken der Etrusker.

Antiker Überlieferung zufolge wird 509 v. Chr. in Rom nach Vertreibung des letzten etruskischen Königs die Republik begründet und damit die Grundlage für den historisch einmaligen Aufstieg eines Stadtstaates zur Weltmacht gelegt. Trotz starker sozialer Spannungen kann sich die neue Staatsform fast 500 Jahre lang behaupten. Sie beruht auf der Machtbalance zwischen einem starken, vom Adel beherrschten Ältestenrat, dem Senat, jährlich wechselnden, vom Volk gewählten Amtsträgern und einer eher schwachen, aber mit Einspruchsrechten ausgestatteten Volksvertretung.

Die schrittweise Ausweitung des Herrschaftsgebietes des Stadtstaates Rom zunächst in Mittelitalien, dann im übrigen Italien, in Spanien, im östlichen und südlichen Mittelmeer und schließlich in Nordwesteuropa untergräbt jedoch auf Dauer den inneren Zusammenhalt der Senats-Aristokratie. In der späten Republik (ca. 200–30 v. Chr.) können einzelne Heerführer so viel Macht ansammeln, dass das eingespielte System schließlich zerbricht. Das römische Reich versinkt im Bürgerkrieg. Erst der Sieg Octavians über alle seine Kontrahenten beendet 31 v. Chr. ein Jahrhundert des Blutvergießens. Unter dem ihm vom Senat verliehenen Ehrennamen Augustus begründet er eine neue Staatsform, den sog. Prinzipat.

In der frührepublikanischen Zeit steht Rom noch stark unter etruskischem Einfluss, später gewinnen griechische Vorbilder aus Unteritalien und dann vor allem aus dem hellenistischen Ostmittelmeerraum eine überragende Bedeutung. Dies zeigt sich außer in der Architektur besonders in der Porträtkunst. Die Möglichkeiten zur realistischen Wiedergabe individueller Gesichter aber auch zur pathetischen Überhöhung, wie sie in der griechischen Porträtkunst seit dem 4. Jahrhundert entwickelt wurden, werden in Rom begierig aufgegriffen. Vor allem aus der letzten Phase der Republik, aus der Zeit des Pompeius und Caesars, sind viele charakteristische Beispiele dieser hellenistisch- spätrepublikanischen Porträtkunst erhalten.

Im Zuge der Eroberung der östlichen Mittelmeerwelt werden nicht nur riesige Mengen griechischer Bildwerke nach Rom verschleppt, sondern es kommen auch zahlreiche griechische Bildhauer, Maler und andere Kunsthandwerker in die aufstrebende Metropole. Der immer schärfer werdende Konkurrenzkampf zwischen den führenden Senatoren, die den üppigen Lebensstil hellenistischer Könige übernehmen, eröffnet den griechischen Fachleuten ein weites Betätigungsfeld: Errichtung von Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden, Schaffung von Kultbildern, Ausstattung privater Villen, Herstellung von Luxuswaren für prachtvolle Bankette usw.

Tönerner Votivkopf aus einem mittelitalischen Heiligtum, spätrepublikanisch.

Immer größere Bedeutung gewinnt das Kopieren von Meisterwerken der griechischen Plastik aus früheren Jahrhunderten. Spezialisierte Bildhauerwerkstätten entstehen, die anhand von Gipsabgüssen exakte Marmorkopien nach berühmten griechischen Bronzestatuen anfertigen. Diese Kopien sind unsere Hauptquelle für die Rekonstruktion der größtenteils verlorenen griechischen Originalplastik klassischer und hellenistischer Zeit.

Kaiserzeit

Grün glasierter Becher aus Kleinasien, frühe Kaiserzeit.

Die neue, von Augustus 27 v. Chr. begründete Staatsform, die man wissenschaftliche korrekt als ‚Prinzipat‘, umgangssprachlich aber meist als ‚Kaisertum‘ bezeichnet, definiert sich selbst als wiederhergestellte Republik (res publica restituta). Faktisch handelt es sich jedoch um eine vom Kaiser (princeps) ausgeübte Militärdiktatur.

Das von Augustus eingerichtete System und die damit erreichte innere Befriedung wirken auf Jahrhunderte fort. Zwar gibt es schon in der von ihm begründeten julisch-claudischen Dynastie Herrscher, die die komplizierte Fiktion der weiterbestehenden Republik nicht akzeptieren und sich offen als Alleinherrscher präsentieren wollen (Caligula, Nero).

Sie bezahlen diese Grenzüberschreitung aber ebenso mit dem Leben wie spätere Kaiser, die Ähnliches versuchen (Domitian, Commodus, Caracalla). Stabile Verhältnisse herrschen hingegen besonders im 2. Jahrhundert n. Chr., als nacheinander vier Kaiser ohne eigene Nachkommen einen Nachfolger adoptieren und damit blutige dynastische Auseinandersetzungen vermeiden.
Bereits unter dem letzten adoptierten Kaiser, Mark Aurel (reg. 161–180 n. Chr.) gerät das bis dahin unumschränkt herrschende römische Weltreich durch den Einfall germanischer Stämme an Rhein und Donau ernsthaft in Bedrängnis. Dieser Druck verstärkt sich im Laufe des 3. Jhs. n. Chr. erheblich und destabilisiert Rom auch innenpolitisch: Innerhalb von 50 Jahren folgen einander über 20 Kaiser auf dem Thron (Zeit der ‚Soldatenkaiser‘, 235–284 n. Chr.). Erst eine grundlegende Verfassungsreform unter Kaiser Diokletian beendet diese Phase der inneren und äußeren Wirren.

Die materielle Kultur der Kaiserzeit ist geprägt durch die zentrale Stellung Roms und des Kaiserhofs und durch eine rasche Angleichung der Lebensverhältnisse in den verschiedenen Teilen des Reiches. Die dominante Stellung des Kaisers zeigt sich vor allem in der von ihm ausgehenden bzw. ihm gewidmeten Bautägigkeit, in der Errichtung großer Staatsmonumente, oft mit programmatischem Bildschmuck (z. B. Ara Pacis, Trajanssäule, Marcussäule), und in der Verbreitung der offiziellen kaiserlichen Bildnisse, die überall im Reich reproduziert werden.

Heroen beim Mahl, Sarkophagfragment, frühes 3. Jh. n. Chr.

Die Paläste und Villen der Kaiser und der senatorischen Oberschicht, öffentliche Gebäude wie Theater, Thermen, Bibliotheken, Brunnenanlagen werden sehr reich mit Skulpturen ausgestattet, meist Marmorkopien nach griechischen Vorbildern. Wichtigster Kontext für die Aufstellung von Skulpturen in der privaten Sphäre ist neben dem Haus der Grabbereich. Seit dem mittleren 2. Jahrhundert n. Chr. gewinnt die Herstellung figurenreicher Reliefsarkophage aus Marmor immer größere Bedeutung.

Spätantike

Spätantike Glasgefäße.

Mit der Einrichtung einer neuen politischen Ordnung, der Tetrarchie (Vierkaiserherrschaft), durch Kaiser Diokletian 284 n.Chr. beginnt eine neue Epoche der antiken Geschichte, die heute meist als ‚Spätantike‘ bezeichnet wird. Die seit Augustus formal aufrecht erhaltene Fiktion des Fortbestehens einer republikanischen Verfassung mit einem vom Senat bestätigten princeps wird aufgegeben. Der Kaiser ist nun absoluter Herrscher (dominus), der Senat tritt ganz in den Hintergrund. Dafür gewinnt die streng hierarchische Ordnung immer neuer Hofämter zunehmend an Bedeutung.

Entscheidende Neuerungen bringt die Alleinherrschaft Kaiser Konstantins (reg. 306–337 n. Chr.) nach Beseitigung der Tetrarchie. Das jahrhundertelang blutig verfolgte Christentum wird offiziell anerkannt, ja sogar zur privilegierten Religion erhoben. Die Reichshauptstadt wird von Rom ins griechische Byzantion verlagert, das in Konstantinopolis umbenannt wird (heute Istanbul).

Am Ende des 4. Jahrhunderts wird das Reich endgültig in eine westliche und eine östliche Hälfte geteilt. 476 wird der letzte weströmische Kaiser von den germanischen Eroberern Roms abgesetzt. Das oströmische Reich hingegen dehnt sich unter Kaiser Justinian (527–565) noch einmal über weite Teile des Mittelmeeres aus. Doch sind damit die Grenzen der Antike zum Mittelalter bzw. zur byzantinischen Zeit bereits überschritten.

Kennzeichnend für die Skulptur der Spätantike ist der starke Rückgang der Rundskulptur. Für Porträts werden kaum noch neue Statuen und Büsten angefertigt, sondern in großem Umfang ältere Werke umgearbeitet. Auch in der Architektur spielt die Wiederverwendung älterer Bauteile (Spolien) eine immer größere Rolle.

Werke der griechischen Idealplastik werden kaum noch kopiert, allerdings werden von einzelnen Werkstätten, besonders im kleinasiatischen Aphrodisias, Traditionen der hellenistischen Bildhauerkunst bis in das 4. Jahrhundert n. Chr. weitergepflegt. Auch die überlieferten Bildinhalte der griechischen Mythologie erfreuen sich noch bis weit in christliche Zeit hinein ungebrochener Beliebtheit, besonders als Reliefschmuck von Silbergeschirr, auf Mosaiken und Elfenbeinreliefs.

Diptychon des Rufius Probianus, RS

Der Stil spätantiker Werke ist geprägt durch den Verzicht auf die bis dahin bindenden Konventionen naturnaher, organischer Darstellung. Im Vordergrund steht nun das Bemühen um Eindeutigkeit und klare Ablesbarkeit der Bildaussage. In mehrfigurigen Kompositionen werden die Elemente gemäß ihrer Bedeutungshierarchie angeordnet und meist frontal auf den Betrachter ausgerichtet. Expressive Gesten und deutliche Umrisse, möglichst ohne Überschneidungen sollen das Gemeinte unmissverständlich hervorheben. Viele dieser Stilelemente weisen bereits voraus auf mittelalterliche Gestaltungsprinzipien.

Schnelleinstieg