ARCHÄOLOGISCHES INSTITUT GÖTTINGEN

Alexander der Große und seine Zeit

alexander

Mit der Regierungszeit Alexanders d. Großen begann auch für die griechische Porträtkunst eine neue Epoche. Aus der Zeit davor kennen wir vor allem die Darstellungen von Bürgern griechischer Stadtstaaten. Diese Bildnisse folgten festen Regeln. Sie waren Ausdruck der Überzeugung, dass sich alle Bürger an die gleichen Gesetze und Verhaltensregeln halten sollten. Wer davon abwich, stand unter dem Verdacht, mehr Macht und Ansehen zu beanspruchen, als ihm zustand.

Für die Porträts von Königen galten keine derartigen Beschränkungen. Doch die meisten Könige ließen sich so darstellen, wie man sich einen König in dieser Zeit vorstellte: Als würdigen Mann in reifem Alter mit einem Bart. Alexander d. Große wagte als Erster eine ganz neuartige öffentliche Selbstdarstellung. Statt alt und würdig sind seine Bildnisse jung und heldenhaft, nicht bärtig sondern glatt rasiert.

Alexanders Bildnisse wurden weit verbreitet. Sie führten in den Städten im makedonischen Einflussbereich zu einem Wandel der Mode, was sich dann auch auf die Porträts auswirkte. Die Bildnisse Alexanders waren ein Vorbild für viele seiner Zeitgenossen und auch noch in späteren Generationen. Durch die Nachahmung von Haltung, Gesichtsausdruck und Frisur versuchte man, Alexander möglichst ähnlich zu sehen.

Die Lektion „Alexander der Große und seine Zeit“ ist für Schüler ab ca. 14 Jahren geeignet. Sie orientiert sich thematisch an den Vorgaben der Lehrpläne für Niedersachsen und Hessen sowie an den Inhalten der Schulbücher, die in diesen Bundesländern zugelassen sind.

Innerhalb der Lehrpläne ist die Thematik „Griechenland und Rom“ sowohl für die Fächer Geschichte, Griechisch, Latein als auch für Kunst vorgesehen. Schwerpunkte, die der vorliegenden Lektion inhaltlich sehr nahe kommen, sind dabei u.a. „Das Zeitalter des Hellenismus“, „Alexander − der Große?“, „Die Entstehung des Alexanderreiches“ sowie allgemein „Kunst und Kultur im antiken Griechenland“.

Auch innerhalb der Lehrbücher finden sich Anknüpfungspunkte an den Aspekt „Alexander der Große und seine Zeit“. Um den Schülern „Das Zeitalter Alexanders des Großen“ nahe zu bringen, werden u.a. Themen wie „Alexander der Große − ein Mensch erobert die Welt“, die „Persönlichkeit Alexanders des Großen“ oder auch „Motive des Eroberungsfeldzuges Alexanders“ behandelt.

Für den Fall der unterrichtsbegleitenden Nutzung des Angebots, finden Sie als Lehrer Vorschläge für Arbeitsaufträge zu den einzelnen Lektionen jeweils unter der Option „Zeitreise“ am Ende eines Kapitels.

Die „Leitthemen“ geben einen groben Überblick über die Inhalte der einzelnen Module und können als Anregung bzw. Leitfaden für das Unterrichtsgespräch dienen.

Der interaktive „Wissenstest“ mit gemischten Fragen nach dem Prinzip Multiple Choice, Freitexteingabe und Manipulation kann zur Lernerfolgskontrolle eingesetzt werden. Hier werden Fragen zur Thematik der jeweiligen Lektion gestellt. Für jede Frage werden Punkte vergeben; die maximal zu erreichende Punktzahl ist jeweils eingeblendet. Zum Abschluss des Tests erhält der Schüler eine Übersicht der beantworteten Fragen und seiner erreichten Punktzahl. Diese Übersicht lässt sich ausdrucken; anhand der erreichten Punktzahl haben Sie als Lehrer die Möglichkeit, die Leistung der Schüler eigenständig zu bewerten bzw. einzustufen.

  • Was war für die Darstellungsweise Alexanders im Porträt charakteristisch?
  • Wie haben Götterbildnisse auf die Darstellung Alexanders weitergewirkt?
  • Wie spiegelt sich das Selbstverständnis Alexanders in seinen Bildnissen wider?
  • Welches Bild vermittelt die antike Literatur von Alexander d. Großen?
  • Welche Auswirkungen hatten Bildnisse Alexanders auf die Mode seiner Zeit und in späteren Jahrhunderten?
Alexandermosaik Strichzeichnung
| Alexandermosaik Strichzeichnung

Alexander d. Große lebte von 356 bis 323 v. Chr. Nach der Ermordung seines Vaters, des Makedonenkönigs Philipp II, kam Alexander 336 v. Chr. im Alter von 20 Jahren in Makedonien an die Regierung. In den Folgejahren eroberte er auf ständig fortgesetzten Eroberungsfeldzügen ein riesiges Weltreich zwischen Griechenland und Indien; dabei wurde das persische Großreich zerstört.

In den wenigen Jahren seiner Regierung veränderte Alexander das Gefüge der antiken Staatenwelt grundlegend, auch wenn sein Reich bald nach seinem Tod in mehrere kleinere, miteinander konkurrierende Reiche aufgeteilt wurde. Doch schufen seine Eroberungszüge zuvor ungeahnte Möglichkeiten für griechische Siedler, die sich in den Städten niederließen, die von Alexander oder seinen Nachfolgern gegründet wurden. Alexander wurde als großer Kriegsheld und als Städtegründer verehrt; Porträts Alexanders wurden darum noch in späteren Zeiten aufgestellt.

Alexanders Auftreten und die Stilisierung seiner Porträts waren ebenso neu und ungewöhnlich wie seine Laufbahn. Er war in jugendlichem Alter König geworden, so dass es nicht erstaunt, dass es Alexanderporträts gibt, die ihn als unbärtigen Jüngling zeigen. Doch änderte sich dieses Alexanderbild auch in seinen späteren Jahren nicht, obwohl Männer schon im Alter zwischen zwanzig und dreißig Jahren in der Regel als würdige Bürger mit Bart dargestellt wurden. Aber für den jungen König Alexander galten solche Regeln nicht. Er benahm sich auch nicht so zurückhaltend, wie es das Ideal eines bescheidenen und besonnenen jungen Mannes vorsah. Anscheinend nahm er gern eine leidenschaftliche Pose mit heftig gedrehtem Kopf und intensivem Blick ein.

Die erhaltenen Porträts Alexanders entsprechen den historischen Beschreibungen seiner Person. Alexander verkörperte bartlos, mit halblangem Lockenhaar, einer energischen Kopfwendung und Blick in die Ferne das Ideal des dynamischen jugendlichen Helden. Seine über der Stirn aufsteigenden Locken, auch anastolé genannt, sind ein typisches Merkmal seiner Bildnisse. Dieser gesträubte Schopf wird als Zeichen für den löwenhaften Mut Alexanders gedeutet.

Alexander, Typus Azara. Paris, Louvre

Zahlreiche Bildnisse Alexanders zeigen ihn als jugendlichen Helden. Die meisten sind Kopien aus römischer Zeit nach Vorbildern aus der Lebenszeit Alexanders. Ein Porträt aus der Sammlung Azara in Paris, Louvre, ist wichtig, weil es durch eine Namensaufschrift als Alexander benannt ist.

Dieses Porträt zeigt ihn mit dem typischen aufgesträubten Haarschopf (anastolé) über der Stirn. Sein Gesicht wirkt kantig; die Mundpartie und die zu starre Nase sind von einem modernen Restaurator ergänzt. Im Ausdruck ist das Porträt sehr zurückhaltend. Es gibt kaum etwas von der leidenschaftlichen Bewegung wieder, die für Bildnisse dieses Königs sonst charakteristisch sind. Das Porträt wurde in einer Villa bei Tivoli gefunden. Dort war es Teil einer langen Reihe von Porträts berühmter Griechen, die im 2. Jahrhundert n. Chr. errichtet wurde. Wie alle Bildnisse dieser Serie ist das Bildnis Alexanders auf den rechteckigen Schaft einer Herme montiert. Dabei wurde der Kopf so gedreht, dass er starr geradeaus blickt. Doch war der Kopf nicht für eine solche Aufstellung entworfen worden, sondern für eine bewegte Statue.

Um einen besseren Eindruck von diesem Entwurf zu bekommen, muss ein weiteres Porträt betrachtet werden, das wahrscheinlich auf dasselbe Vorbild aus der Lebenszeit Alexanders zurückgeht.

Bildnis Alexanders des Großen

Ein überlebensgroßer Kopf Alexanders in Istanbul kommt aus Pergamon. Pergamon war die Hauptstadt eines der Reiche in Kleinasien, die nach dem Zerfall des Alexanderreiches entstanden. Alexander wurde hier als Vorgänger der regierenden Dynastie verehrt, die auch aus Makedonien stammte.

Die Kunst Pergamons im 2. Jahrhundert v. Chr. bevorzugte heftig bewegte und ausdrucksstarke Skulpturen. Dieser Stil prägt auch die Darstellung Alexanders.

Das Gesicht dieses Porträts ist kräftig modelliert. Der Mund ist leicht geöffnet. Die kugeligen Augen liegen tief in ihren Höhlen; die Brauen sind hochgezogen. Darum bilden sich auf der Stirn Falten, die dem Gesicht einen energischen Ausdruck verleihen. Die Anlage der Frisur entspricht dem oben betrachteten Porträt in Paris, aber die Motive sind am Kopf aus Pergamon entschieden bewegter gestaltet. Der Kopf ist lebhaft gedreht. All dies ergibt die charakteristische, leidenschaftliche Heldenpose Alexanders.

Der Bildhauer dieses Porträts und der Bildhauer des Alexanderporträts in Paris schufen jeweils ihre eigene Version: Das Bildnis in Paris wirkt beruhigt, das in Istanbul leidenschaftlich. Wie stark diese Kopien von ihrem Vorbild aus der Lebenszeit Alexanders, dem späten 4. Jahrhundert v. Chr., abweichen, lässt sich nur schwer abschätzen. Denn das Original ist nicht erhalten.

Alexander, Typus Akropolis -Erbach. Athen, Akropolismus.
Alexander, Typus Akropolis - Erbach. Erbach
Zwei weitere Alexanderporträts sind offenbar genaue Kopien eines gemeinsamen Vorbilds, anders als die zuvor betrachteten Bildnisse. Weil in römischer Zeit nur von berühmten Werken mehrere Kopien angefertigt wurden, gehen wohl diese Bildnisse auf eines der berühmten Alexanderporträts zurück. Als Alexanderbildnisse sind sie am charakteristisch gesträubten Schopf über der Stirn (anastolé) zu erkennen. Der Gesichtsausdruck dieser Porträts ist nicht sehr angespannt und energisch; Alexander erscheint vor allem als schöner und sehr junger Mann.

Zum griechischen Ideal eines jungen Mannes zur Zeit Alexanders gehörten neben Kraft und Mut auch Mäßigung und Gelassenheit (sophrosyne). Für Alexander mag es klug gewesen sein, in Griechenland ein Porträt zu präsentieren, das diese Qualitäten ins Bild setzte − denn die Gewalttätigkeit und Macht des Kriegshelden machte dort vielen Menschen Angst.

Att. Grabrelief vom Ilissos. Athen, Nat. Mus. Inv. 869

Wie sehr das Alexanderbildnis bei den zuletzt betrachteten Bildnissen den Vorstellungen griechischer, vor allem athenischer Künstler und Betrachter seiner Zeit angepasst wurde, zeigt ein Vergleich mit einem Grabrelief in Athen. Das Relief wurde auf dem Grab eines jung verstorbenen Mannes errichtet. Es zeigt einen jungen und einen alten Mann sowie einen sitzenden kleinen Diener. Der junge Mann trägt eine ähnliche Frisur wie Alexander in den soeben betrachteten Porträts. Vergleichbar sind auch der Gesichtsausdruck und die Wendung des Kopfes. Der gefühlvolle Ausdruck ist Teil der heroischen Charakterisierung: Wie der heldenhafte Alexander ist der junge Mann auf dem Grabrelief nicht nur schön, sondern auch stark. Sein nackter Körper stellt kräftige Muskulatur zur Schau. Der Diener trägt außerdem Sportgeräte, die auf den Besuch in einer Palaistra hindeuten. Neben dem jungen Mann steht sein alter Vater, der um den Verlust seines Sohnes trauert. Der Tod eines Menschen auf dem Höhepunkt seiner Jugend und Kraft galt als besonders schrecklich.

Alexander, Typus Azara. Paris, Louvre
Perikles. London, Brit. Mus.

Alexander konnte in seiner Selbstdarstellung an bestehende Vorstellungen anknüpfen, die in der Zeit des Erwachsenwerdens die schönste Zeit im Leben eines Menschen sahen. Auch in der griechischen Mythologie geht es immer wieder um jugendliche Helden dieser Altersstufe. Doch als Könige und Feldherrn treten reife, besonnene Männer auf. Auch in der Realität des politischen Lebens wurden Reife und Erfahrung bei führenden Politikern geschätzt. Bildnisse von Staatsmännern wie Perikles zeigen sie als würdige, reife Männer mit Bart; auf militärische Qualitäten weist der Helm auf dem Kopf hin. Erst Alexander vereinigte in seiner Person erfolgreich die Rollenbilder von Kriegsheld und König.

Nach dem Besuch im Museum bekommst du den Auftrag, einen kurzen Artikel über Alexander d. Großen für die Schülerzeitung zu schreiben. Notiere dir schon einmal, was du darin auf jeden Fall über sein Bildnis erwähnen solltest.

Sammlung
Quellen
Literatur
Tonio Hölscher: Ideal und Wirklichkeit in den Bildnissen Alexanders des Großen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg, 1971
Tonio Hölscher: Klassische Archäologie Grundwissen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2002, S. 240

Alexander war der erste Mann seit langer Zeit, der als Erwachsener ohne Bart dargestellt wurde. Diese Mode verbreitete sich schnell unter Bewunderern des Makedonenkönigs in den Ländern rings um das Mittelmeer. Doch Porträts von Philosophen, Rednern und Politikern zeigen, dass sich diese Mode nicht überall durchsetzte. Als Zeichen für Alter und Würde waren Bärte bei erwachsenen Männern noch lange üblich.

Alexander, Typus Azara. Paris, Louvre
Bildnis des Aristoteles

Der Philosoph Aristoteles wurde 342 v. Chr. von Philipp II zum Erzieher des jungen Prinzen Alexander berufen und blieb auch später dessen Vertrauter. Nach Alexanders Thronbesteigung (334 v. Chr.) ging Aristoteles zurück nach Athen und gründete dort eine eigene philosophische Schule.

Sein Porträt zeigt Aristoteles als reifen Mann mit Falten auf Stirn und Wangen. Haar und Bart sind in kurze Strähnen frisiert; nur einige Fransen schütteren Haares fallen in die Stirn. Der Gesichtsausdruck ist entspannt und heiter; um den Mund herum spielt der charakteristische spöttische Zug.

Att. Grabrelief vom Ilissos. Athen, Nat. Mus. Inv. 869
Att. Grabrelief vom Ilissos. Athen, Nat. Mus. Inv. 869

Als Philosoph entspricht Aristoteles den Vorstellungen, die man sich in seiner Zeit von einem würdigen älteren Mann machte. Dazu gehört auch sein Bart. Individuelle Z sind nur sehr zurückhaltend in dieses Idealbild eingegangen, denn eine Darstellung als vorbildlicher Philosoph vertrug sich nicht mit zufälligen persönlichen Eigenheiten.

Die unterschiedliche Darstellung von Alexander und Aristoteles entspricht ihren unterschiedlichen Rollenbildern: Hier der jugendliche Kriegsheld und König, dort der weise Lehrer und Philosoph. Ähnliche Unterschiede lassen sich am Grabrelief eines jungen Mannes aus Athen beobachten. Die Gegenüberstellung eines alten mit einem jungen Mann führt den Betrachtern hier ein grausames Schicksal vor Augen. Denn der alte Vater musste seinen jungen Sohn begraben, statt im Alter von ihm unterstützt zu werden.

Wie beim Paar von Vater und Sohn sind bei Aristoteles und Alexander die unterschiedlichen Aufgaben und Rollenbilder von Männern verschiedenen Alters ein Thema ihrer Darstellungen.
Aischines. Neapel, Mus. Naz.

Die politischen Führer unter den Zeitgenossen Alexanders in Athen blieben dem traditionellen Bild des attischen Bürgers verpflichtet.

Aischines lebte von etwa 389-314 v. Chr. in Athen. Der Redner und Politiker war Anhänger Philipps II von Makedonien und Fürsprecher der makedonischen Politik in Athen. Dies machte ihn zum Gegner des Demosthenes, der eine makedonische Vorherrschaft über Hellas nicht hinnehmen wollte, und der mit Hilfe seiner Partei versuchte, Philipps Eroberungen aufzuhalten. Die Statue zeigt den Redner mit Chiton und Mantel bekleidet in selbstbewusster Pose. Aischines präsentiert sich in diesem Bildnis als vorbildlicher Bürger Athens. Seine heitere Miene und seine ruhige Pose erinnern daran, dass es für einen Redner selbst in heftigen Auseinandersetzungen als würdelos galt, allzu sehr zu gestikulieren oder übermäßig das Gesicht zu verziehen: Aischines vertraut anscheinend so sehr auf die Kraft seiner Worte, dass er seine Hände im Mantel eingewickelt lassen kann.

Demosthenes. Kopenhagen, NCG

Der Redner und Politiker Demosthenes ist nur mit einem Mantel bekleidet, was als Zeichen für seine Abkehr vom bequemen Leben gedeutet werden kann. Sonst werden nämlich nur die Philosophen, die ein einfaches Leben predigten, so dargestellt. Er blickt mit gesenktem Kopf und zusammengezogenen Brauen vor sich hin. Ungewöhnlich ist die Darstellung seiner verschränkten Hände. Die Statue entstand erst lange nach dem Tod des Demosthenes.

Das Original in Athen war mit einer Inschrift auf dem Sockel versehen, in der das Scheitern des Demosthenes im Kampf gegen die makedonische Vorherrschaft erwähnt wird, aber auch seine nicht nachlassende Entschlossenheit in diesem Kampf. Sein gespannter Gesichtsausdruck und die gefalteten Hände sind wohl ein Ausdruck dieses letztlich erfolglosen Ringens um athenische Unabhängigkeit.

Als Gegner Alexanders folgt Demosthenes selbstverständlich nicht der Mode, sich den Bart zu rasieren. Doch mit seiner ausdrucksvollen Mimik und Gestik kommt sein Bildnis den Porträts Alexanders näher als die Bildnisse anderer athenischer Bürger. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in der Entstehungszeit des Porträts ausdrucksvolle Züge bei Bildnissen nicht mehr so ungewöhnlich waren, wie in der Lebenszeit von Alexander und Demosthenes.

Menander. Rekonstruktion Göttingen

Der Dichter Menander ist einer der Zeitgenossen Alexanders, die sich der Mode anschlossen, als erwachsene Männer mit glattrasiertem Gesicht aufzutreten. Als Dichter von Komödien interessierte sich Menander wenig für Politik. Sein Thema sind die komischen Seiten des Alltagslebens in Athen, die er als einer der ersten auf die Bühne brachte. Als Mann, der seine Zeitgenossen genau beobachtete, war er offensichtlich für neue Moden aufgeschlossen und wird auch in seinem Bildnis als modisch frisierter und elegant gekleideter Mann gezeigt.

Stell dir vor, du bist ein antiker Bildhauer zur Zeit Alexanders d. Großen. Du bekommst den Auftrag, das Bildnis eines Philosophen anzufertigen. Fertige eine Skizze des Porträts an. Orientiere dich dabei an den Bildnissen im Kapitel!
Sammlung
Quellen
Literatur
Tonio Hölscher: Ideal und Wirklichkeit in den Bildnissen Alexanders des Großen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg, 1971
Tonio Hölscher: Klassische Archäologie Grundwissen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2002, S. 237ff.
Gisela M.A. Richter: The Portraits Of The Greeks. Abridged edition. Phaidon Press Limited, Oxford, 1984
Kopf des Alexander-Helios
Athena-Tempel v. Ilion, Heliosmetope, Berlin Antikenslg.

Die Darstellung von Menschen in Göttergestalt oder mit göttlichen Merkmalen beginnt mit den Bildnissen Alexanders d. Großen: Alexanderporträts ähneln den Darstellungen junger Helden und Götter manchmal so sehr, dass bei einzeln erhaltenen Köpfen zwischen Darstellungen Alexanders und Götterdarstellungen kaum eine sichere Unterscheidung möglich ist. Besonders die Ähnlichkeit zu Bildern des Sonnengottes Helios wird in mehreren Porträts deutlich. Ein Porträtkopf Alexanders in Boston betont die leidenschaftliche Seite seines Charakters. Dieses Alexanderporträt wirkt romantischer als frühere Bildnisse des Königs: Sein Haar ist hier länger und lockiger, der Blick scheint schwärmerisch.

Ähnlich ist der Gott Helios auf einer Reliefplatte aus Troja dargestellt. Zu vergleichen sind Frisur, Gesichtsausdruck und Drehung des Kopfes. Der Sonnengott ist mit Zügen Alexanders dargestellt oder umgekehrt: Bilder junger Götter inspirierten die Gestaltung von Alexanderporträts. Diese Doppeldeutigkeit war offenbar beabsichtigt: Die Betrachter sollten beim Anblick von Alexanderporträts an Götter und Heroen, beim Anblick von Götterbildern an Alexander denken − beides zur Steigerung seines Ruhmes.

Alexander auf Goldmedallion von Abukir. Berlin, Antikenslg.

Antike Schriftsteller priesen in Lobgedichten und Reden die Herrscher, indem sie ihre Taten mit denen von Göttern und Heroen verglichen. Genauso wird Alexander in Bildnissen gerühmt, die ihn mit Gegenständen ausgestattet zeigen, die sonst mythischen Gestalten gehören.

Ein Goldmedaillon, das im 3. Jahrhundert n. Chr. entstand, kann als Beispiel dienen. Es zeigt Alexander mit der charakteristischen Frisur und nach hinten geworfenem Kopf. Er ist in voller Rüstung dargestellt. Doch der Schild, den er vor sich hält, ist keine normale Waffe, sondern aufwendig mit Reliefs verziert. Bei genauem Hinsehen erkennt man Sternzeichen des Tierkreises. Es handelt sich deshalb um den berühmten Schild des Achilleus, der von Homer in der Ilias als Werk des Schmiedegottes Hephaistos ausführlich beschrieben wird. In der antiken Kunst wird er häufig in dieser Form dargestellt. Alexander ist hier also als (neuer) Achilleus dargestellt; die Züge des homerischen Helden verschmelzen mit denen des Königs.

Alexander suchte selbst den Vergleich mit Achilleus. Während seiner Feldzüge in Kleinasien wandelte er auf dessen Spuren und besuchte das Grab des Achilleus bei Troja. Homers Ilias, deren Hauptheld Achilleus ist, soll Alexanders Lieblingslektüre gewesen sein.

Stell dir vor, du bist Alexander der Große! Du möchtest gerne ein Porträt von dir in Auftrag geben, das den gängigen Götterbildern ähnelt. Gib dem Hofbildhauer eine möglichst detailgetreue Beschreibung oder Vorabskizze dieses Porträts. Orientiere dich dabei an einem der oben abgebildeten Bildnisse!

Sammlung
Quellen
Literatur
Pierre Briant: Alexander, Eroberer der Welt. Maier, Ravensburg, 1990
Tonio Hölscher: Ideal und Wirklichkeit in den Bildnissen Alexanders des Großen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg, 1971
Bildnis Alexanders des Großen
Die Gestalt Alexanders bewegte die Phantasie von Zeitgenossen und Nachwelt. Die Taten des jugendlichen Königs waren so unglaublich, dass es beinahe nichts gab, was man ihm nicht zutraute. Es gab Geschichten, in denen er Fabelwesen in fernen Ländern traf oder tief unten im Meer wanderte. Legendär sind auch Berichte über Treffen mit anderen berühmten Zeitgenossen, z.B. dem Philosophen Diogenes. Alexander soll Diogenes in seiner „Tonne“ besucht haben; zum Schluss des Gespräches fragte er ihn nach einem Wunsch. Diogenes antwortete darauf nur: „Geh mir ein wenig aus der Sonne“. Alexander war beeindruckt und rief seinen Begleitern zu: „Wahrlich, wäre ich nicht Alexander, ich möchte wohl Diogenes sein.“ Es ist unwahrscheinlich, dass König und Philosoph einander je begegnet sind. Die Anekdote charakterisiert jedoch treffend den Unterschied zwischen dem König im vollen Bewusstsein seiner Macht und dem Philosophen, der dafür nur leise Verachtung übrig hatte.
Gemme Diogenes in der Tonne

Die Geschichte deutet an, warum seriöse Autoren von der Antike bis heute Alexander ganz unterschiedlich beurteilen. Es gibt Bewunderer, die in ihm den großen Staatsmann sehen, der große Pläne hatte, die zum Teil erst nach seinem Tod verwirklicht wurden: Der Historiker Diodor schreibt, dass Alexander dank seiner Klugheit und Tapferkeit die Leistungen aller anderen Könige übertraf. Mit seinen Eroberungen in Europa und Asien erwarb er verdient weithin reichenden Ruhm, der ihn den Heroen und Halbgöttern aus alter Zeit gleichstellte.

Der Historiker Arrian schreibt in seiner Geschichte Alexanders des Großen: „Er war von schöner Gestalt und hatte große Ausdauer; sein Geist war durchdringend, sein Mut außerordentlich; niemand liebte Ruhm und Gefahr mehr als er, niemand war sich seiner Pflichten gegenüber den Göttern bewusster. Er verstand es perfekt, die Wünsche seines Fleisches zu beherrschen und zeigte sich nur unmäßig in seiner Gier nach Gütern des Geistes, denn sie allein gereichen zu Ehre.“ Arrian lebte lange nach Alexander in der römischen Kaiserzeit.

Andere sehen in Alexander den Gewaltherrscher, der seine eigenen Leidenschaften nicht im Griff hatte: So schreibt der römische Philosoph Seneca, dass Alexander geistig umnachtet war, weil er Griechenland unterworfen hatte − das Land, wo er selbst erzogen worden war. Statt sich mit dem Unglück all jener Staaten zufrieden zu geben, die bereits sein Vater unterworfen hatte, zog Alexander weiter mit seinen Waffen durch die Welt. Dabei machte er in seiner Grausamkeit vor nichts halt, ganz wie jene Bestien, die mehr reißen, als ihr Hunger verlangt.

Von Anhängern wie Gegnern werden Geschichten überliefert, in denen es um Alexanders übermäßigen Weingenuss geht; im Jähzorn und Rausch erschlug er sogar einen seiner besten Freunde. Für Gegner Alexanders war solches Verhalten nicht zu entschuldigen; seine Anhänger versuchten diese Berichte als Übertreibungen abzutun.

Plutarch berichtet über Alexander, er sei dem Wein gar nicht so sehr zugetan gewesen, wie man allgemein dachte. Vielmehr führte er bei gefülltem Becher lange Gespräche, wenn er Zeit dazu fand. Sobald nämlich Aufgaben an ihn herantraten, hielten ihn weder Wein, noch Schlaf, noch Hochzeit oder Schauspiel davon ab, wie es bei anderen Feldherren oft der Fall war. Das beweist nach Ansicht Plutarchs schon Alexanders Leben, welches so kurz war und trotzdem mit so vielen großen und ruhmvollen Taten gefüllt war.

Bildnis Alexanders des Großen
Alexander, Typus Akropolis - Erbach. Erbach
Beide Parteien konnten sich in ihrem Urteil auch auf die Porträts Alexanders berufen: Die Züge, die seinen Anhängern als äußere Zeichen seines außergewöhnlichen und heldenhaften Charakters galten, wurden von seinen Gegnern als Bruch mit den Traditionen verstanden, die auch einen König zur Mäßigung verpflichteten. Zu diesen Zügen gehören die leidenschaftliche Mimik und Bewegung der Alexanderporträts. Die leidenschaftlich zusammengezogene Stirn wurde bei Herrschern, die Alexander nachahmten, als Zeichen für ihren zornigen und tyrannischen Charakter interpretiert.
Du hast gelesen, wie gegensätzlich antike Autoren über Alexander d. Großen berichten. Überlege, wie du Alexander eingeschätzt hättest, wenn du nur sein Porträt kennen würdest.
Sammlung
Quellen
Diodor, 17, 1, 3 f., Historische Bibliothek
Arrian, Anabasis Alexandrou Seneca, Epistulae morales 94, 62 Plutarch, Alexander 23
Literatur
Hans-Joachim Gehrke: Alexander der Grosse. Beck, München, 1996

Pierre Briant: Alexander, Eroberer der Welt. Maier, Ravensburg, 1990
Bildnis Alexanders des Großen
Ptolemaios I von Ägypten. Kopenhagen, NCG

Die Mode der Bartlosigkeit und die energischen Posen, die Alexanders Selbstdarstellung bestimmten, waren für seine Nachfolger Vorbild, die als Könige kleinere Reiche auf dem Gebiet des Alexanderreiches gründeten. Ptolemaios I., der in Ägypten die Herrschaft übernahm, ist in seinem Porträt zwar nicht als junger Mann dargestellt, aber glattrasiert und mit energischem Gesichtsausdruck; besonders die Augen sind betont.

Pergamen. König, Phase 1. Berlin, Antikenslg.
Attalos I (?), Berlin Antikenslg.

Attalos I., einer der Könige von Pergamon in Kleinasien, ließ sich mit einem Porträt darstellen, das nur ein wenig ruhiger wirkt; auch er ist glattrasiert. Aber offenbar gefiel dieses Porträt nicht lange; denn es wurde umgearbeitet: Die erste Version hatte eher schüttere, flach anliegende Haare. Sie wurden abgearbeitet, um kräftige, hochgeworfene Locken anzustücken. So bekommt auch Attalos eine löwenartige Frisur, die an Alexanders Haarpracht erinnert.

Pompeius. Kopenhagen, NCG
Noch in römischer Zeit war das Vorbild Alexanders wichtig für die Selbstdarstellung römischer Politiker. Pompejus, einer der wichtigsten Männer in der spätrepublikanischen Zeit, ließ sich „Magnus“ = der Große nennen. Es schmeichelte ihm, wenn man sein Aussehen mit dem Alexanders verglich − doch damit konnte Jahrhunderte nach Alexanders Tod nur eine Ähnlichkeit mit den Porträts Alexanders gemeint sein. Das beinah verkniffen wirkende Gesicht des Pompejusporträts mit seinen kleinen Augen und dem schmallippigen Mund scheint nichts von den Zügen Alexanders zu haben. Nur die Haare über der Stirn sind auffällig hochgesträubt. Es ist wohl nur dieses Detail, an dem im Bildnis des Pompejus die Ähnlichkeit zu Alexander abgelesen werden konnte.
Büste eines Unbekannten

Im Laufe der römischen Kaiserzeit wurde in der griechischen Literatur die Figur Alexanders immer mehr zur Heldengestalt verklärt. Junge Männer in Griechenlandlasen begeistert von seinen Taten und träumten von einer Zeit vor der römischen Herrschaft. Einige von ihnen stilisierten sich nach dem Vorbild Alexanders, wie der junge Mann aus Athen, dessen Porträt eine üppige Mähne mit hochgeworfenen Haaren über der Stirn zeigt. Der knappe Bart folgt dagegen der Mode der mittleren römischen Kaiserzeit.

Caracalla, Typus 4. Paris, Louvre

Zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. heißt es vom römischen Kaiser Caracalla, er habe sich Alexander zum Vorbild genommen. Demnach imitierte er Gesichtsausdruck und Kopfwendung des großen Königs. Betrachtet man seine Porträts, sieht man zwar einen energischen Gesichtsausdruck mit zusammengezogenen Brauen und eine heftige Wendung des Kopfes zur Seite, aber eine Ähnlichkeit mit Alexander ist nur schwer zu erkennen, wenn überhaupt.

Doch belegen die hier gezeigten, ganz unterschiedlichen Porträts, dass es kein einheitliches Bild Alexanders gab. Jedes dieser Bildnisse spiegelt einen anderen Aspekt, von dem die Künstler und Dargestellten wohl überzeugt waren, dass er dem Wesen Alexanders besonders gut entsprach. Über die Jahrhunderte änderte sich der Blick stark. Und noch nach dem Ende der Antike bis in die Gegenwart gibt es immer wieder neue Versuche, ein Bild Alexanders künstlerisch zu gestalten oder sich selbst nach seinem Vorbild zu stilisieren − die jüngsten Beispiele dafür stammen aus dem Kino.

Stell dir vor, du bist einer der Nachfolger Alexanders. Du möchtest dein Bildnis seinem Vorbild entsprechend gestalten lassen. Fertige eine Skizze an, wie dieses Bildnis aussehen könnte. Orientiere dich dabei an den Porträts im Kapitel.
Sammlung
Quellen
Literatur
Tonio Hölscher: Ideal und Wirklichkeit in den Bildnissen Alexanders des Großen. Universitätsverlag Winter, Heidelberg, 1971
Tonio Hölscher: Klassische Archäologie Grundwissen. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2002, S. 240f.

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