Eine charakteristische Eigenheit der Bildersprache römischer Kunst ist, dass Bildwerke durch immer wieder neue Kombinationen unabhängig voneinander konzipierter Einzelformen geschaffen wurden. Für Porträtskulpturen bedeutet dies, dass Statuenkörper oder Büsten und die darauf montierten Köpfe nicht in einem Guss entworfen wurden. Kopf und Körper folgten jeweils eigenen Modellen; denn Statuen und Büsten waren in römischer Zeit nur mehr Träger von Porträtköpfen, keine Körperporträts, die auf die Köpfe abgestimmt wurden. Veränderungen im Erscheinungsbild ergaben sich aus Moden, deren Wechsel über längere Zeiträume beobachtet werden kann.
Statuentypen
Die Tracht, Schnitt und Formen
Die Toga war ein wollenes Obergewand, das über einem genähten Hemd, der Tunica, getragen wurde. Ihr Schnitt bildete ein langes Oval. Die Toga wurde in der Mitte längs gefaltet, an den Enden der Mittelachse befand sich je eine Spitze. So vorbereitet wurde die Toga um den Körper drapiert. In der Republik war die Toga knapp geschnitten. In augusteischer Zeit wurde sie üppiger drapiert, wie an den beiden Statuen aus der frühen Kaiserzeit zu sehen ist. Die Längsachse konnte dabei leicht über 7 m lang sein.
Die Toga wurde bis in die Spätantike dargestellt. Dabei kamen zur augusteischen Form der Tragweise mit der Zeit ganz anders aussehende Drapierungen hinzu. Seit dem 3. Jahrhundert n.Chr. war eine Form besonders beliebt, bei der Teile der Toga brettartig gefaltet und entsprechend bestickt wurden, die sogenannte kontabulierte Toga. Diese Form wurde durch leichte Modifizierung der ursprünglichen Drapierung erzeugt. Anschaulich zeigen diese Toga von vorn und hinten die Figur des als Richter amtierenden Rufius Probianus und die der beiden plädierenden Juristen auf einem Elfenbeindiptychon aus dem 5. Jahrhundert n.Chr. in Berlin. Grundsätzlich dieselbe Drapierung weist auch die Statue des Provinzstatthalters Flavius Palmatus aus dem 5. Jahrhundert n.Chr. in Aphrodisias auf. Die Mode seiner Tunica mit engen langen Ärmeln kam erst in der Spätantike auf. Die Büsten mit kontabulierter Toga werden im folgenden Kapitel abgehandelt.
Die Drapierung der Toga kann in den beiden folgenden Fotoserien verfolgt werden.
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Büstentypen
Das Porträt als Büste gilt als eine typisch römische Bildnisform. Dieser Eindruck ist zwar nicht ganz zutreffend, weil schon in späthellenistisch/republikanischer Zeit mit solchen abgekürzten Formen der in griechischer Zeit üblichen Porträtstatuen experimentiert wurde. Doch erst aus der römischen Kaiserzeit sind Porträtbüsten in großer Zahl erhalten. Porträts, die mit Büsten verbunden sind, haben sich wegen ihres kompakteren Formats häufiger erhalten als Porträts auf Statuen, bei denen die Bruchgefahr viel größer war.
Der Brustausschnitt einer Büste konnte ebenso wie ein Statuenkörper die Dargestellten durch Kleidung und Attribute näher charakterisieren. Die ikonographischen Möglichkeiten bewegen sich bei Büsten im gleichen Spektrum wie bei Statuen. Der Umfang von Büsten wurde im Laufe der Kaiserzeit immer größer, und neue Modelle kamen hinzu, so dass die Gestaltung einer Büste wichtige Hinweise für die Datierung des zugehörigen Porträts liefern kann.
Kleine Büstenformen der frühen Kaiserzeit
In der frühen Kaiserzeit haben Büsten einen knappen Brustausschnitt. Eine Gruppe von Büstenporträts aus Ägypten zeigt Augustus, seine Frau Livia und den Thronfolger Tiberius, eine Konstellation, die zwischen 4 und 14 n.Chr. bestand und so einen Anhaltspunkt für die Datierung bietet.
Der Brustausschnitt umfasst die Schlüsselbeine und den Ansatz der Armkugeln und beschreibt unten einen sinusförmigen Bogen. Der Umriss der Büsten von Augustus und Tiberius unterscheidet sich dadurch, dass der Brustausschnitt beim Tiberiusporträt weiter herabreicht. Doch ist zu berücksichtigen, dass die Büste des Augustus in Zweitverwendung aus einem Säulenschaft gearbeitet wurde. Die Büsten der beiden Männer sind unbekleidet; das entspricht nackten oder nur mit einem Hüftmantel bekleideten Statuenkörpern.
Die beschädigte Büste der Livia ist nicht breiter als die beiden anderen der Gruppe, wie der erhaltene Rand auf ihrer linken Seite zeigt. Die Büste ist mit Kleidung drapiert. Über dem Untergewand liegt der Träger einer Stola. Dieses lange, weite und dünne Trägergewand wurde zwischen Tunica und Mantel getragen. Sie war das Kennzeichen der freigeborenen verheirateten Römerin. In augusteischer Zeit wurde der Versuch unternommen, die Stola parallel zur Toga der Männer als kennzeichnendes Gewand in den Darstellungen römischer Matronen zu propagieren. Offenbar war der Widerwillen römischer Damen gegen diese Tracht noch größer als die Abneigung der Männer gegen die Toga, so dass selbst die Darstellungen der Stola nach dem Ende der julisch-claudischen Zeit verschwinden. Wie im Kapitel zu den Statuen ausgeführt, waren die Körper römischer Frauenporträts ohnehin selten zeitgenössisch bekleidet.
Versetz dich in die Rolle eines antiken Bildhauers! Du bekommst den Auftrag, die Porträts eines Ehepaares anzufertigen. Notiere dir als Gedankenstütze die Merkmale, die einerseits das Frauenporträt und andererseits das Männerporträt aufweisen sollte.
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Attribute
In ihrer Rolle als Herrin des Hauses hat Hegeso das Recht, auf einem Lehnstuhl mit Fußschemel zu sitzen − ähnlich wie ein König in seinem Thronsaal. Die Darstellung im Sitzen war in der Antike ein Vorrecht für ehrbare Frauen, die es sich leisten konnten, das Haus nicht zu verlassen; ihre Dienerschaft nahm ihnen die Besorgungen außer Haus ab. Diese Frauen sollten jeden Auftritt in der Öffentlichkeit vermeiden, um keinen Anlass für öffentliche Aufmerksamkeit und Gerede zu bieten. Schmuck sollte die Schönheit einer Frau hervorheben, darum ist das Schmuckkästchen ins Bild gebracht worden.
Darstellungen von Frauen als Herrin des Hauses waren in der Antike verbreitet, denn sie veranschaulichten das Ideal eines weiblichen Rollenbildes. Sie zeigten die Frau, die im Haus blieb, um sich um Haushalt, Familie und Dienerschaft zu kümmern. Von Männern wurde das nicht erwartet.
Lies den folgenden Ausspruch des antiken Schriftstellers Diogenes Laertios und diskutiere mit deinem Banknachbarn darüber, welche Gründe er für seine Aussagen gehabt haben könnte:
„Ich habe drei Gründe, dem Geschick dankbar zu sein:dass ich ein Mensch bin und kein Tier, ein Mann und keine Frau, ein Grieche und kein Barbar“
(Diogenes Laertios, 1,33).